Das Bild

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Kinderabenteuer im Schatten des Brinkumer Kirchturms

Kurzgeschichten von Harry Schröder

Das Bild

Da stand es – das Ölgemälde von Berthold Mügge. Im Nebenraum des Kirchenbüros entdeckte ich es in einer Ecke. Bremer hatten es beim Entrümpeln ihres Bodens gefunden. Nun war es zurückgekehrt an den Ort, wo es entstanden war. Beim Betrachten kehrten all‘ die Erinnerungen zurück. Die Erinnerungen an die Kinderzeit der Vorkriegsjahre und der ersten Kriegsjahre. Aber wie sah es aus, das Bild? Der Kastanienbaum vor der Kirche war von Bombensplittern zerfetzt. Bodn-Meyers Mühle war zerissen. Durch den Konfirmandensaal konnte man hindurchblicken. Die Leinwand hing in Fetzen herunter. Susanne Bruns vom Kirchenbüro zuckte mit den Schultern: „Das ist hin! Was soll man da noch machen?“ Wir überlegten. Vielleicht könnte man eine Platte dahinterlegen und zumindest die Fetzen festkleben. Ich durfte das Bild mitnehmen..
Tischler Wöhlke fertigte eine Sperrholzplatte an, die mit Leim bestrichen wurde. Fetzen für Fetzen wurden jetzt möglichst nahtlos festgeklebt. Danach blieben noch ein paar daumennagelgroße Löcher übrig, die ich zuspachtelte. Alle schadhaften Stellen wurden dann mit bescheidenem Können und Ölfarbe ausgebessert. Wenn man genau hinsah, konnte man die Reparatur erkennen. Der Gesamteindruck aber war wieder da. Sofort wurde es im Sitzungsraum des Pfarramtes an die Wand gehängt.

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Hof Heineke im Sack

Das war eine große Ehre für das Bild, nachdem es fast viezig Jahre lang schwer kriegsbeschädigt irgendwo auf dem Dachboden verbracht hatte. Aber eine noch größere Ehre sollte folgen:
Frau Riemann, die Mutter der Filmschauspielerin Katja Riemann, begann in Syke einen Versuch als Galeristin. Meine Frau und ich hatten uns in ihrer Wohnung in Barrien schon einmal Bilder angeschaut. Dabei wurden wir von Tochter Katja bewirtet. Nun sollte in Syke eine Müggeausstellung stattfinden, zu der wir erwartungsvoll fuhren.
Mir standen all‘ die vor dem Kriege in Brinkum gemalten Bilder vor Augen. Zum Teil hatten wir dem Künstler beim Malen über die Schulter geschaut:
Reipschlägers Apfelbaum, Hilljes Jugendstilhaus, Heinekes Strohdachhaus mit dem Storchennest und unser Bild mit der Kirche darauf.
Ich war enttäuscht, daß nur wenige gute, kleinformatige Bilder gezeigt wurden. Ich berichtete von dem Schatz, der noch in Brinkum hing.
Frau Riemann war einverstanden, daß die Ausstellung damit bereichert würde. So geschah es dann auch.
Dieses war der Höhepunkt im Leben unseres Bildes, denn nun schlug das Schicksal wieder zu. Es erwies sich nämlich, daß die Sperrholzplatte sich zu krümmen begann, und es von der Wand genommen werden mußte. Ich fühle mich schuldig und sinne, wie man helfen kann.

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Warum nur komme ich von dem Bild nicht los? Ist es das Motiv? Ja, das auch. Ist es der Umstand wie es entstand, an den ich oft denken muß? Oder sind es die Kinder-Abenteuer, die wir im Schatten des Kirchturms erlebten?
Aber das sind andere Geschichten……

Hof Wilkens
Hof Wilkens

Mit Oel und Spucke

Es war im Jahre 1938. Wir waren von der Hüchtingstraße in die Nordstraße gezogen. Die Wohnung war klein und preiswert. Aber welch ein Unterschied zur Hüchtingstraße! Hier im „Alten Dorf“ war Leben. Hier mußten die Bauern vorbeifahren, wenn sie mit Melkewagen und Melkefahrrad die Milch zur Kühlstelle bringen wollten. Hier drängten sich brüllend und kleckernd die Kühe durch, wenn sie in die Marsch getrieben oder zurückgeholt wurden. Hier marschierten täglich die Kinder und die Lehrer Krusch, Wellhausen, Harms und Lohmann auf dem Weg zur Schule vorbei. Sonntag morgens sah man unter Glockengeläut die Kirchgänger vorüberziehen. Unten im Haus hatte „Pöttcher“ Lampe seinen Laden oder besser gesagt sein Lager; denn tagsüber zog er mit seiner Kiepe voller Porzellan auf dem Rücken über Land, um seine Ware anzubieten.
Und welch einen Blick hatte man nach allen Seiten: Im Süden das Anwesen von Tierarzt Claus. Auf dem Hof direkt unter uns wurden die Pferde behandelt. Daneben der Hof Hellmers mit der Schule dahinter. Nach Osten die Gärtnerei Ridder und gleich dahinter Gefkens Strohdachhaus mit dem ständigen Geklapper der Familie Adebar im Sommer.

Mühle Bodn-Meyer mit Kirche
Mühle Bodn-Meyer mit Kirche

Im Norden Wolters Sommergarten und rechts davor der Blick in die Marsch bis Bremen. Und im Westen? Ja, wenn man in Richtung Westen aus dem Fenster blickte, sah man genau das, was der Maler Mügge hier auf dem Bild festgehalten hat.
Aber erst einmal mußte das Bild gemalt werden.
Eines schönen Maientages stand der kleine Mann mit der Baskenmütze unten am Zaun hinter der Staffelei. Wir Jungens waren sofort bei ihm.
Vor einem Jahr, als er Heinekes Strohdachhaus mit dem Storchennest malte, hatten wir unsere Buntstiftzeichnungen vom Zeichenunterricht aus dem Tornister geholt, um sein Urteil darüber zu hören.
Dabei kam mein Machwerk gar nicht gut weg.
Jetzt wollte er die berühmte 100-jährige Kastanie, die vor der Kirche in voller Blüte stand, auf die Leinwand bannen. Wir verfolgten den Bildaufbau und sahen, wie nach und nach Stedings Hecke, Teile der Pfarre, Hillers Hausgiebel, die Kirche mit Mauer und Kriegerdenkmal und rechts Teile von Bodn-Meyers Mühle mit Kohle angelegt wurden, mittendrin der Kastanienbaum.

Pöttcher Lampe
Pöttcher Lampe

Jetzt wurde die Farbe aufgetragen. Es war reinste Zauberei, wie er neben dem Englisch-rot der Mauern und dem Oliv-grün der Bäume und Büsche das helle Ocker setzte und alles damit zum Leuchten brachte. Auf Dächer und Hintergrund wischte er ein zartes Violett, und schon begann es auch hier zu flimmern. All‘ diese Farben spiegelten sich schwach in den Wolken wieder, dazwischen das Blau des Himmels, welches sehr sparsam mit kühlem Grün vermischt als Schatten auf dem Bild verteilt wiederkehrte. Dann setzte er ein paar weiße Tupfer in die mächtige Kastanie, und schon blühte der Baum.
In mir erwachte der Wunsch: so etwas müßtest du auch können.
Doch dann kam „5 Männerstärke“ angeradelt. Er bog über die Straße und kam rittlings auf dem Sattel sitzend, neben dem Maler zum Stehen. „5 Männerstärke“ war der größte Raufbold unserer Klasse. Er hatte als Einziger sogar Rektor Weckes Rohrstock geschmeckt. In den Pausen auf dem Schulhof stand er mit dem Rücken an Hüchtings Drahtzaun. Dort wehrte er mit einer Wutlocke in der Stirn und einem nachsichtigen Lächeln im Gesicht uns Angreifer wie lästige Fliegen mit einer Hand ab.

Hof Gefken
Hof Gefken

Immer wenn er auftauchte lag Spannung in der Luft. So auch jetzt. Irgend etwas würde gleich geschehen. In seinem Gesicht war so etwas Verwegenes. Vielleicht hätten wir das kleine Wort Feigling nicht sagen sollen. Jedenfalls spuckte er mitten aufs Bild und schoß mit seinem Fahrrad davon. Mügge war sprachlos, doch dann überließ er uns sein Malgerät und nahm zornrot die Verfolgung auf. Dabei rutschte er auf dem buckligen Kopfsteinpflaster aus, was seinen Zorn noch steigerte. Wie er das Elternhaus unseres Freundes im Morgenland fand und was die sich von ihm anhören mußten, wissen wir nicht, nur daß der Vater langsam den Riemen seiner Hose löste und seinen Sohn zu suchen begann. Der hatte sich oben im Hause versteckt. Als der Vater die Treppe hochkam, sprang er aus dem Fenster über’s Stalldach in den Garten. Damit war er erst einmal der Strafe entkommen. Am Abend reichte Vaters Zorn nur noch für eine Strafpredigt.
Doch kehren wir zu unserem Bild zurück:
Mügge hatte noch einmal Hand angelegt. Mit ein paar Reuestrichen verbesserte er die Konturen. Dann trat er zwei Schritt zurück, kniff die Augen zusammen, um das Ganze ohne störende Einzelheiten wie durch einen Schleier zu sehen. Nun nahm er eine letzte Farbabstimmung vor.

Hof Hellmers
Hof Hellmers

Damit war das Bild fertig und wurde von ihm davongetragen. Er hatte ein Stück Brinkum festgehalten, das paar Jahre später im Feuersturm der letzten Kriegstage ausgelöscht werden sollte.

Haus Mahlstedt
Haus Mahlstedt

Schippern

Es war Spätherbst geworden. Die Bauern hatten das letzte Jungvieh von den Weiden geholt und in die warmen Ställe getrieben. Die Stichlinge, die wir im Sommer in Blechdosen gefangen hatten, schütteten wir jetzt in die Gräben zurück, wo sie sofort in den rostroten Schlick rutschten. Aus den Kaulquappen waren prächtige Frösche geworden, die irgendwo im Uferschlamm dem Winter entgegendösten. Auch die letzte Storchenfamilie war nach Afrika abgesegelt.
Seit mittags stieg das Wasser unaufhaltsam. Am Abend waren die großen Zuggräben bis zum Rand vollgelaufen, und es stieg immer weiter. Als ich mit meinem Freund Jochen am anderen Morgen in die Schule ging, hatten sich auf den tiefergelegenen Weiden schon große Seen gebildet. Jetzt wußten wir, daß es nur noch wenige Stunden dauert, bis die Marsch sich vom Ortsrand bis zum Ochtumdeich und von Dreye bis Stuhr in eine große, glitzernde Wasserfläche verwandelt hat, aus der nur die Bremer Straße herausragen wird.
Für uns Jungens gab es in den Pausen auf dem Schulhof nur ein Thema: „Wer hat einen Backetrog zum Schippern?“

Wolters Bauerndiele
Wolters Bauerndiele
Schippern mit einem Backtrog
Schippern mit einem Backtrog

Backtröge brauchte man fast nur noch, um die geschlachteten Schweine darin abzubrühen und abzuschaben. Wer selber keinen hatte, lieh sich den des Nachbarn aus. Jochens Eltern hatten einen. Und was für einen! Keine aus einem Stamm herausgehauene Molle. Mit so einem plumpen Einbaum wären selbst die Indianer nicht losgepaddelt!
Nein, diesen Backtrog konnte man schon eher als Boot bezeichnen. Er war aus vier trapezförmigen Brettern und einem Bodenbrett zusammengefügt. Man brauchte nur noch ein Sitzbrett draufzunageln. Dazu wurde ein Paddel aus einem Besenstiel und zwei kurzen Brettern hergestellt, denn wer würde ein so schnittiges Fahrzeug wohl mit einem Staken fortbewegen wollen, der zudem immer im Morast festsaß. Vor garnicht langer Zeit waren zwei Mädchen auf der anderen Seite der Kirche mit ihrem Staken steckengeblieben. Bei dem Versuch, ihn herauszuziehen, waren beide über Bord gegangen. Da hatte auch der Rahmen aus vier Brettern nichts genützt, mit dem sie ihre Molle stabilisiert hatten. So etwas wollten wir nicht erleben.
Am Nachmittag war es soweit, daß der Stapellauf stattfinden konnte. Wir schulterten den schweren Kahn, indem wir die Köpfe in den Rumpf steckten. Mehr stolpernd als gehend brachten wir ihn kieloben auf den Deich hinter Wolters Bauerndiele. Vorsichtig wurde er zu Wasser gelassen. Ich hielt ihn solange fest, bis Jochen im Boot saß. Jetzt konnte die Jungfernfahrt beginnen.

Brinkumer Ziegelei um 1910
Brinkumer Ziegelei um 1910

Mit einem Schubs stieß ich das stolze Wasserfahrzeug in die Wogen. Doch warum schaukelte das Boot so? Immer wenn Jochen ein Paddel eintauchen wollte, drohte es umzukippen. „Mensch setz dich auf den Boden, sonst liegst du gleich im Bach!“ rief ich. Aber auf dem Boden sitzend war ein Paddeln wegen der hohen Bordwand kaum möglich. Jetzt schnell zurück an Land! Aber wie? Mühsam stakend und immer auf das Gleichgewicht achtend kam Jochen langsam näher. Doch als er aussteigen wollte, kippte die ganze Fehlkonstruktion um. Mit nassen Füßen -bis über die Knie- zogen wir unser Fahrzeug auf den Deich und trugen es zurück nach Hause.
„So geht das nicht, wir müssen doch etwas bauen, damit das Ganze Halt bekommt!“ Zwei kurze und zwei lange Bretter wurden zu einem Rahmen zusammen genagelt. Dahinein sollte der Trog gehängt werden. Darüber war es dunkel geworden. Für heute war kein Schippern mehr möglich.
Am nächsten Tag hatte Jochen eine schwere Erkältung und durfte nicht aufs Wasser. Seine Mutter kochte heißen Tee und steckte ihm das Fieberthermometer unter den Arm. Zu anderen Zeiten wäre dies eine Gelegenheit gewesen, die Schule zu schwänzen, indem man das Thermometer durch Reiben mit Daumen und Zeigefinger auf 39,5 Grad gebracht hätte.

Nordstraße in Brinkum
Nordstraße in Brinkum

Aber jetzt mußte die Erkältung schnell auskuriert werden, um weiterschippern zu können. Wir überlegten, wie man den Heilungsprozeß beschleunigen könnte. Tee war gut -aber nicht wirksam genug. Aber warte mal! Vielleicht könnte man ja die Wirkung erhöhen, wenn man den Tee inhalieren würde! Wozu hatten wir denn die kleinen weißen Tonpfeifen mit den Lakritzen in den Pfeifeköpfen bei Bäcker Schaumlöffel gekauft? Jetzt konnte man sie für die Gesundheit einsetzen. In Bodn-Meiers Mühle hinter der Mauer war bald ein passender Ort gefunden – und die Teekur konnte beginnen!
Fürchterlich hustend rauchten wir „auf Lunge“, bis die Tüte mit Kamillentee leer war.
Am nächsten Tag hatte sich Jochens Zustand etwas gebessert. Mir ging es dagegen umso schlechter.
In der Schule war mir spei-übel. Fräulein Wellhausen schickte mich, nachdem ich zweimal zum Übergeben rausgewesen war, nach Hause. Jetzt war ich der Hemmklotz, und wieder verging ein Tag ohne Schippern!
Endlich, am nächsten Tag war ich gesund. Jetzt ging alles wie gewünscht! Das Boot schwamm mit Rahmen -ohne zu schaukeln- wie eine Ente! Nachmittags paddelten wir abwechselnd und hatten einen riesigen Spaß dabei.

Bremer Straße
Bremer Straße

Schade, daß es so früh dunkel wurde. Darum freuten wir uns auf die Weihnachtsferien, wo wir den ganzen Tag zur Verfügung hatten.
Einen Tag vor den Ferien setzten Nachtfröste ein! Unser Tatendrang wurde gebremst, weil eine dünne Eisschicht das Wasser überzogen hatte. Zwar konnte man das Eis noch kaputt schlagen, aber es war kein Vorwärtskommen und machte darum auch keinen Spaß mehr.
Eines Tages nach den Ferien, Fräulein Wellhausen prüfte gerade unsere Hausaufgaben. Wir mußten die Hefte zum Mittelgang hin ans Bankende schieben. Sie ging dann zum Prüfen den Gang an der Jungensseite entlang und schritt an der Mädchenseite zurück zum Pult. Als sie vor meiner Bank stand, fragte sie mich: „Kannst du mir sagen, warum dir vor den Ferien so übel wurde?“ Mir fehlten die Worte! Der Mund ging auf und zu aber nichts kam heraus! „Du kannst es dir, bis ich mit dem Prüfen fertig bin, überlegen,“ sagte sie und schritt weiter. Nun half nichts mehr, ich mußte mit der Sprache heraus! „Fräulein Wellhausen, ich hatte geraucht!“
Nun folgte eine Standpauke und ein Vortrag über die gesundheitsschädigende Wirkung des Rauchens. Ich war dabei das abschreckende Beispiel. Dabei stellte sich heraus, daß andere aus unserer Klasse vor Gefkens Kegelbahn Zigarettenkippen „nachgeraucht“ hatten und dabei erwischt worden waren.

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Zu diesen unappetitlichen „Kippenlutschern“ wurden wir jetzt gezählt! Wir, die wir doch gerade etwas für die Gesundheit hatten tun wollen! Ich traute mich aber nicht, den Irrtum aufzuklären.

Bremer Straße, Ocker, Schaumlöffel
Bremer Straße, Ocker, Schaumlöffel
Der wilde Esel
Der wilde Esel

Eisige Zeiten

Wochenlang hatten wir nun schon mit dem Backetrog auf der überschwemmten Marsch geschippert, bis kurz vor Weihnachten die ersten Nachtfröste kamen. Jetzt war es vorbei mit der „Christlichen Seefahrt“, denn zum Eisbrecher taugte unser Trog nicht.
Über die Weihnachtsfeiertage war das Eis schon fast wieder weggetaut, doch dann setzte im Neuen Jahr strenger Frost ein. Drei Tage mußten wir uns jetzt noch gedulden, bis das Eis endlich trug. Die Holländer wurden aus den Ecken geholt. Diese Holzschlittschuhe mit den nach vorn hochschnabelnden Kufen waren die richtigen für den Langlauf auf der riesigen Eisfläche. So konnte man mit weit ausholenden Schwüngen geradewegs im Osten nach Dreye und im Westen nach Stuhr gelangen. Mit Rückenwind wurden dabei hohe Geschwindigkeiten erreicht. Nur Lehrer Harms blib mit seinen kleinen eisernen Schlittschuhen im Windschatten des Kirchturmes und drehte dort seine Pirouetten.
Es war noch gar nicht lange her, als noch Wolters „Wilder Esel“ auf der Bremer Straße, der einzigen Verbindung nach Bremen, die Eisfläche durchquerte. Die Schüler unter den Fahrgästen hatten ihre Schlittschuhe dabei und stiegen, wenn sie von der Schule in Bremen kamen, gern bei der Ochtumbrücke aus, um den Weg durch die Marsch auf dem Eis zurückzulaufen. Die Ranzen blieben im Anhänger und wurden vom Fahrer bei Gefken zur Aufbewahrung abgegeben.

Kirchhoffs Häuslingshaus
Kirchhoffs Häuslingshaus

Hanne und Lotte waren mit ausgestiegen. Sie hatten sich aber von der Gruppe ihrer Freunde getrennt, weil sie auf der linken Seite der Straße laufen wollten Hier war der Nord-Ost-Wind steifer als rechts im Windschatten. Sie mußten nur aufpassen, denn die großen Zuggräben waren bei den Brücken nie ganz zugefroren. Manch‘ einer war dort schon eingebrochen. Vor der zweiten Brücke (von Brinkum aus gesehen) gingen sie im Entengang mit den Schlittschuhen die Böschung hinauf, um dann auf der anderen Seite des Grabens die Fahrt mit dem Rückenwind fortzusetzen.
Das war ein Spaß! Ein wahres Wettrennen veranstalteten die beiden, Lotte immer vorneweg. Dabei merkte sie nicht, daß schon die nächste Brücke kam.
Zu spät unternahm sie die Vollbremsung. Der Wind und der Fahrschwung drückten sie immer näher an den Zuggraben heran. Schon begann das Eis zu knistern. Mit verzweifelter Anstrengung versuchte sie, die Uferböschung zu erreichen, umsonst! Das Eis zerbrach und Lotte sank ins Wasser. Mit letzter Kraft versuchte sie, einen Weidenpfahl zu fassen, doch sie blieb mit der Jacke im Stacheldraht hängen. Das kalte Wasser stand ihr schon bis zur Brust, und immer hatte sie noch keine Grundberührung. Weiter versank sie nicht, weil der Stacheldraht die Jacke festhielt. Jetzt spürte sie auch mit den Füßen den unteren Laufdraht und konnte sich etwas aufrichten. Mit steifen, blutenden Händen löste sie die Jacke vom Stacheldraht und hangelte sich mühsam in Richtung Straße, wo sie endlich Boden unter die Füße bekam. Hanne reicht ihr die Hand und zog sie ganz heraus.

Hof Sieling
Hof Sieling

Schlotternd und blutend mit zerfetzten Kleidern ging es jetzt die letzten paar hundert Meter in Richtung Kirchturm. Erst einmal zu Hannes Mutter zum Aufwärmen! Die stand schon in der Tür und holte die beiden rein. „Schnell die nassen Kleider vom Leib, Kind, du erkältest dich ja, hier hast du eine Wolldecke!“
Derweil wartete Lottes Mutter mit dem Mittagessen. Hatte sie nicht vorhin den „Wilden Esel“ vorbeifahren sehen? Wo bleibt Lotte nur, ich will doch mal sehen, ob Hanne schon da ist! Da sah sie die Bescherung!
Jetzt war für Lotte erst einmal das Schlittschuhlaufen gestrichen. Dabei hatte sie sich schon so auf das Wochenende gefreut. Dann war nämlich ein richtiges Volksfest auf dem Eis. Da konnte man sehen, wie Erna und Bruno Christ mit ihren selbstgemachten Segeln davonschossen, Lüder Ellinghausen mit seinem Eisschlitten war noch schneller. Hermann Schlachter kam mit seiner Hermine und verkaufte Würstchen.
Alles tummelte sich dort.

Küsterhaus
Küsterhaus

Als Hanne am Sonntag bettelte „ohne Lotte macht es mir auch keinen Spaß“ ließ Muttern sich erweichen -und los ging es.
Nur nicht in Richtung „erste Brücke“!

Altes Dorf mit Marsch
Altes Dorf mit Marsch
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Haus Cohn-Steding

Zwei Originale

So hatte sich Martha Löwenstein geborene Cohn ihr Leben sicher nicht vorgestellt.
Sie war als Schlachtermeisters-Tochter im Hause Bremer Straße 170 herangewachsen. Ihr Bruder Bernhard erkrankte mit 6 Jahren an einer Hirnhautentzündung. Eine leichte geistige Behinderung war die Folge.
Martha heiratete den Schlachter Albert Löwenstein. Als der Vater 1914 starb, sollte sie mit ihrem Mann das Geschäft weiterführen. Doch Albert Löwenstein wurde eingezogen und fiel gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges.
Martha stand vor der Aufgabe, die drei Kinder, ihre Mutter und den kranken Bruder durchzubringen. Sie stellte zunächst einen Schlachter ein. Ihre Mutter verstarb Anfang der Zwanziger Jahre. 1926 verpachtete Martha das Geschäft an Hermann Steding.
All‘ diese Schicksalsschläge verblaßten bald hinter der immer bedrohlicher werdenden Hetze der Nazis gegen die Juden.
Alle drei Kinder hatten einen Beruf erlernt und wanderten nach 1933 nach Amerika aus. Martha blieb -wohl wegen ihres Bruders- in Brinkum. Sie zog sich immer mehr zurück und hoffte auf die politiche Wende.

Haus Wiebe
Haus Wiebe

Bernhard hatte diese Ängste nicht und entwickelte sich mit seinem etwas auffälligen Verhalten zu einem Brinkumer Original.
Oft traf man ihn zusammen mit dem alten Friedrich Ridder auf der Kirchenmauer sitzend. In schwarzem Anzug mit Hut und Krawatte und einer Zigarettenspitze im Mund, die Lehrer Harms ihm geschenkt hatte, so war er den Brinkumern ein vertrauter Anblick!
Seine rauhe Stimme ist noch vielen in Erinnerung.
Der Milchwagen tauschte die Kannen aus, die an der Mauer standen, Bernhard nahm die leeren Kannen und schleppte sie zu Musiker Bode in der Bruchstraße. Er wollte dessen Schwester, die er verehrte, den Weg abnehmen. Häufig war er bei Tisch zu Gast und half auch manchmal bei der Erntearbeit.
Wenn Bernhard nicht auf der Kirchenmauer saß oder in der Bruchstraße war, traf man ihn bei seinem Freund und Nachbarn Theo Meers. Dieser hatte an der Bremer Straße -gegenüber dem Lohmann’schen Haus ein Uhrmachergeschäft. Theo war ein großer schlanker Mann, der mit seiner Pfeife in der Hand an Lehrer Lämpel bei Wilhelm Busch erinnerte. Die Werkstatt war vom Rauchen dunkelbraun gefärbt. Den Goldfisch in der großen Glasvase erkannte man im gelben Wasser kaum. Wenn man ihn erinnerte: „Du, Theo, du mußt deinem Goldfisch mal wieder frisches Wasser geben“, antwortete er nur: „Wieso, er hat das alte ja noch gar nicht ausgetrunken“.

Bernhard Cohn und Theo Meers
Bernhard Cohn und Theo Meers

Die Bauern von der Geest, die nach Bremen zum Markt fuhren, gaben ihre defekten Uhren bei ihm ab, um sie auf dem Heimweg repariert wieder in Empfang zu nehmen. Für jede Uhr nahm er einen Einheitspreis, ganz gleich, wieviel Zeit er dafür benötigt hatte.
Bernhard Cohn saß gern dabei, denn Theo Meers sorgte immer für Unterhaltung. Die Kunden, die manchmal warten mußten, waren peinlich berührt, wenn der Meister mit seiner Frau Streitgespräche führte. Er schimpfte: „Du alte Schlampe, wie lange soll ich noch auf mein Essen warten, und in der Wohnung sieht es aus wie in einer Rumpelkammer“. Sie keifte zurück. Sie blieb ihm keine Antwort schuldig! Die gleichen Kunden kehrten in Gefken’s Gasthof ein und berichteten von dem Ehestreit unseres Uhrmachers. Die Brinkumer, die das hörten lachten nur und stellten klar: „Theo Meers hat gar keine Frau, er ist Junggeselle“. „Das gibt es nicht“, war die Antwort. „Habt ihr die Frau denn gesehen?“ „Nein, die war im Zimmer nebenan und die Tür stand offen“. Na also, Theo Meers ist Bauchredner!
Einmal konnte eine Frau nicht die Uhren-Reparatur bezahlen und bat um Stundung der Schuldsumme. Theo war einverstanden.

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Als Bernhard Cohn sah, wie sich dieselbe Frau bei Schumacher einen Schürzenstoff kaufte, tuppte er ihr von hinten auf die Schulter und sagte: „Erst de Uhr betoolen!“
Mit all‘ diesen harmlosen Späßen war es einige Jahre später vorbei. Theo Meers starb und Bernhard Cohn kam nach Berlin in ein jüdisches Dauerwohnheim, wo er 1940 auch verstarb.
Martha Löwenstein verkaufte die Schlachterei 1937 an Hermann Steding und ging in ein jüdisches Altersheim nach Emden. Es hieß, sie wolle von dort aus nach Amerika auswandern. Das Altersheim wurde 1941 aufgelöst. Die Insassen wurden nach Lodz deportiert. War Martha Löwenstein auch dabei?
Als im nächsten Jahr die Kristallnacht inszeniert wurde, lebte in Brinkum kein Jude mehr. Nur der in das Krieger-Ehrenmal vor der Kirche gemeißelte Name erinnerte noch an Albert Löwenstein.
Johann Kniemeyer bewies große Zivilcourage beim Schützenfest 1938, als er bei der Ehrung der gefallenen Vereinskameraden auch den Namen Albert Löwenstein vorlas.

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Hof Hillers mit Kirche

DIE KIRCHE BRENNT

Wann hatte es schon mal im November ein Gewitter gegeben? Und gleich ein so heftiges? Wir standen im Hausflur, als ein heller Blitz aufzuckte und aus der Lampe ein Feuerstrahl hervorschoß. Fast gleichzeitig polterte ein ohrenbetäubender Donner los. „Das hat irgendwo eingeschlagen, schnell nach draußen. Da guckt mal, unterhalb der Kirchturmspitze quillt weißer Rauch aus dem Dach, die Kirch brennt!“ Alle rannten über die Straße. Auch Dr. Turner kam mit langen Schritten aus der Praxis herbeigelaufen. Frau „Pastor“ Schmidt schloß die Kirchentür auf und wir begannen die Bänke hinauszutragen. „Zuerst das Altarsilber“ rief Frau Schmidt. Mutter packte mit an.
Inzwischen gingen die Sirenen, und die Feuerwehr kam. Natürlich waren die Leitern zu kurz. So kletterten die mutigen Männer von innen den Turm hinauf. Das Feuer hatte schon ein metergroßes Loch ins Dach gefressen. Doch der Mann am Schlauch machte ganze Arbeit. Die Rauchfahne wurde schwächer und erstarb schließlich ganz. Das Feuer war gelöscht. Da das Kirchenschiff unversehrt geblieben war, konnte wieder eingeräumt werden. Der Mann am Schlauch war der Held des Tages.
Allerdings mußte jetzt der Turm-Eingang gesperrt werden. Dachziegel könnten herunterfallen. Es bestand Lebensgefahr.
Doch sollte dieses Folgen haben:

Kranzniederlegung der FLAK
Kranzniederlegung der FLAK

Als der nächste Volkstrauertag kam (damals Heldengedenktag), zog die Flak mit einer Ehrenwache vor der Brinkumer Kirche auf. Das Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkrieges war gleichzeitig Torbogen zum Haupt-Eingang. Zwei Flaksoldaten standen dort jetzt mit Stahlhelm und Gewehr. Die Eisenpforte hatten sie zugebunden, somit war der Zugang zur Kirche versperrt. Die Uhr ging auf 10, und die Gottesdienstbesucher standen ratlos herum. Wir Konfirmanden vertrieben uns die Zeit mit den üblichen Neckereien und mit Mutproben, indem wir von der Straße über die Kirchenmauer unter die Kastanie sprangen.
Dann kam Pastor Schmidt vom Pastorenhaus und schritt auf die Straße. Als er das verschlossene Tor sah, stutzte er und ohne ein Wort zu sagen, legte er Bibel und Predigttext auf die Mauer, ging an den Wachposten vorbei und zerriß mit einem Ruck die Schnur, mit der die Pforte zusamengebunden war. Danach nahm er Bibel und Text und schritt erhobenen Hauptes und mit wehendem Talar, gefolgt von den Konfirmanden und Kirchgängern in Richtung Kircheneingang.
Dieser strenge, furchtlose Gottesmann, bei dem wir, wenn wir konfimiert werden wollten, über 70 Gesänge und Psalmen aus dem „JUDENBUCH DER NAZIS“ lernen mußten, scheute sich vor keiner Parteiprominenz. Er verließ z.B. nach Beerdigungen schon den Friedhof, wenn die Partei noch ihre Kränze niederlegen und Reden halten wollte. Auch nahm er Familienangehörige von Inhaftierten an seinen Tisch.

Aufmarsch der FLAK
Aufmarsch der FLAK
Aufmarsch der FLAK
Aufmarsch der FLAK

Verhöre von der GESTAPO waren die Folge. Sonntags saßen zwei Kripobeamte in der Kirche und überwachten seine Predigt.
Das ging solange gut, bis er, obwohl gesundheitlich angeschlagen, eingezogen wurde. Er kam zu einer Fahrradkompanie, die es zum Kriegsende statt Kavallerie gab. Mit der „ritt“ er dann in den Krieg und in englische Gefangenschaft.

Hof Cohrs
Hof Cohrs

Souvenirs

Dreiundzwanzig, vierundzwanzig, fünfundzwanzig, Gruppenfeuer, Gruppe – Schuß! Aus vier Flak-Kanonen fegten die Geschosse in den sternklaren Abendhimmel, wo ein fernes, monotones Brummen anzeigte, daß feindliche Bomber über uns hinwegflogen. Kurz darauf ging es klack, klackklack, klackklackklick, klackklickklack. Die Splitter der Granaten prasselten herab. Wehe, wer jetzt ohne Stahlhelm draußen war und so ein Stück Eisen auf den Kopf bekam.
Ich stand in der Hüchtingstraße nahe der Flakstellung bei meiner Großmutter in der Dielentür und konnte nicht nach Hause. Hoffentlich gab es gleich eine Feuerpause, denn ich hatte meine Schulaufgaben noch nicht gemacht. Doch dann setzte plötzlich Dauerfeuer ein. Eine Salve nach der anderen krachte und pfiff empor. Dazwischen hörte man das Bellen der Nachbarbatterien und das Platzen der Granaten in der Luft.
Was war geschehen? Die Scheinwerfer hatten einen Bomber mit ihrem Lichtkegel aufgespürt und ließen ihn nicht mehr frei. Alles was Feuerkraft hatte, schoß sich jetzt darauf ein.

Haus Hildebrandt
Haus Hildebrandt

Man hörte am unregelmäßigen Aufheulen des Flugzeug-motors, daß der Pilot um jeden Preis entkommen wollte. Jetzt wurde es gefährlich. Schnell in den Keller, denn bei diesem Manöver da oben entledigten sich die Flieger gern ihrer Last, was dann herunterkam, waren keine Flaksplitter sondern dicke Bomben, Luftminen oder bündelweise Brandbomben.
Doch der Spuk ging vorüber. Man hatte keine Bombeneinschläge gehört. Wenn, dann waren sie irgendwo in der Marsch heruntergegangen.
Zu Hause angekommen, war es für die Hausaufgaben reichlich spät geworden. Lustlos schmierte ich den Aufsatz noch hin. Doch bei den Dreisatz-Rechenaufgaben versagte die Konzentration.
Wozu saß ich denn neben dem Klassenbesten, der dazu noch mein Freund war? Es war nicht das erste Mal, daß ich morgens vor der ersten Stunde etwas bei ihm abgeschrieben hatte. Doch es kam alles ganz anders. Am anderen Morgen erschien die Zwillingsschwester meines Freundes allein in der Schule und verkündete: „Martin liegt mit Fieber im Bett“. – Nun, Schicksal nimm deinen Lauf! Gleich in der ersten Stunde hatten wir Rechnen bei Ruprecht, der pünktlich um acht Uhr die Klasse betrat. Gleich würde er die Rechenhefte einsammeln. Doch was hatte er da unter dem Arm? -Konrektor Ruprecht war Oberluftschutzwart der Gemeinde Brinkum und bildete die anderen Luftschutzwarte im Brandschutz aus.

Hotel Lindhorst
Hotel Lindhorst

Jetzt hatte er den Blindgänger einer Brandbombe mitgebracht. Dieser sah aus wie ein fünf Zentimeter dicker, sechseckiger Bleistift, Zweidrittel davon war aus Leichtmetall und diente als Leitwerk. Darunter befand sich ein Brennkörper mit Zünder. Ganz unten war ein zwei Zentimeter dicker Eisenfuß, der den senkrechten Fall bewirkte.
Ruprecht erklärte den Mechanismus der Bombe, verdeutlichte seine Worte mit Zeichnungen an der Tafel und war voll mit seinem Lieblingsthema beschäftigt. Von mir aus hätte die ganze Stunde so weiter gehen können. Doch dann sagte er: „So, die Mädchen bilden eine Zweierreihe und gehen leise hinaus auf den Schulhof und die Knaben schließen sich an.“

Dort mußten wir zusammen mit den anderen oberen Klassen einen Halbkreis bilden. Lehrer Ruprecht erschien oben am südlichen Fenster seiner Dienstwohnung mit der Brandbombe. Er entzündete sie, indem er sie senkrecht auf den Schulhof fallen ließ. Dann kam er herunter, um zu zeigen, wie lange man das Leitwerk noch anfassen könne, um die Brandbombe beispielsweise aus dem Fenster zu werfen. Hatte sich das Feuer erst voll durch die Ummantelung gefressen und begannen die weißen Flammen meterweit herauszuschießen, half nur noch Löschen.

Schulhaus
Schulhaus

Zu diesem Zwecke mußten auf jedem Hausboden Sand und Wassereimer stehen. Die Rechenstunde war dem Brandschutz zum Opfer gefallen! Somit hatten dieselben englischen Bomber, die mich am Schularbeiten machen gehindert hatten, mich jetzt vor einer Strafarbeit bewahrt!
Uns Jungens hatte eine neue Leidenschaft erfaßt, nämlich Bomben und Granatsplitter, Leitwerke und dergleichen sammeln. Dabei entfaltete sich ein reger Tauschhandel. Für fünf Flakgranatensplitter gab es einen Bombensplitter. Für ein Leitwerk mußte man schon etwas Besonderes bieten: Teile einer Brandbombe, Zünder oder dergleichen. Jeder hatte einen Pappkarton oder eine Kiste, worin er seine Schätze aufbewahrte.
Unser Nachbarssohn Fred machte mich auf seine riesige Sammlung neugierig. Eines Nachmittags nahm er mich mit, um sie mir zu zeigen. Er führte mich in das obere Stockwerk seines großen Elternhauses in eine fast leere Kammer. Dort kam ich aus dem Staunen nicht heraus. Über den ganzen Fußboden waren die Schätze ausgebreitet. Nicht nur große Mengen Splitter, nein auch Leitwerke von Bomben, Zünder und dergleichen. „Mann, wo hast du das alles her?“ Bei einigem Nachdenken kam ich drauf.

In der Schulstraße (Heusmann / Schaffer)
In der Schulstraße (Heusmann / Schaffer)

Sein Vater war oberster Leiter der Feuerwehren und nach jedem Bombenangriff vor Ort. Von dort hatte er wohl vieles mitgebracht. Außerdem war er Jagdpächter und fand sicher manches bei seiner Pirsch durch Marsch und Moor. Das war ein Ansporn für uns, mehr die Augen aufzutun, denn auch wir pirschten dort herum. Allerdings jagten wir mehr Wassertieren nach.
Heute wollten wir mal nicht Kaulquappen und Stichlinge fangen, sondern waren mit drei Mann aus unserer Klasse unterwegs, um nach jungen Aalen zu sehen, die wir in der Zementröhre im Ochtumdeich entdeckt hatten. Sie versuchten dort zu hunderten die dicken Bohlen des Wehres zu überwinden, indem sie sich durch die Ritzen quälten oder ganz hinüberschlängelten.
Doch Hannes wollte nicht mit. „Laß‘ uns doch zum Scheinflughafen gehen. Dort sollen heute nacht Bomben gefallen sein. Wir finden sicher Bombensplitter.“ Das überzeugte. Also auf zu Pleus Bucht in Richtung Nord-Ost. Der kürzeste Weg war immer die Luftlinie. Die kleinen Gräben waren dabei kein Hindernis. Bei den großen mußte man schon einen Anlauf nehmen, um hinüber zu springen. Dabei ging es uns oft wie den Knaben bei Wilhelm Busch: Der Erste sprang hinüber, je eher je lieber. Bums war er weg. Der zweite fein besonnen, eh er das Werk begonnen, sprang in den Dreck.

Heitmanns Hof
Heitmanns Hof

Doch wir brauchten nicht zu springen, es kam wieder einmal ganz anders als geplant: Gleich auf der ersten Wiese stand ein großer Hochspannungsmast. Rundherum waren zwei Meter hohe Eisenbleche angenietet, so daß man nicht hinaufklettern konnte. Was wäre das für eine Aussicht gewesen da oben! Die heutigen Masten haben keine Schutzbleche mehr.
-Haben die Jungs das Klettern verlernt?

Wolters Privathaus
Wolters Privathaus

Wir schnupperten wie junge Hunde um den Mast herum, um keine Aufstiegsmöglichkeit zu übersehen. Dabei entdeckten wir ganz in der Nähe einen kleinen Krater, aus dem es silbrig glänzte. „Mensch, hier ist ein Leitwerk runtergegangen.“ Das war ein Fund.
Sofort begannen wir mit der Bergung. Während meine Freunde das ganze Leitwerk mit der Hand freigraben wollten, versuchte ich es durch Hin- und Herbiegen zu lockern, und als das nicht gelang, zumindest etwas Leichtmetall abzubrechen. „Das sitzt bombenfest“, sagte Heiner. Darauf antwortete Hannes, der den Arm tief in das Loch gesteckt hatte: „Das sitzt nicht nur bombenfest, das sitzt an einer Bombe fest. Jetzt aber nichts wie weg. Das hätte schief gehen können.
Auf dem kürzesten Weg Richtung Kirchturm erreichten wir den Ort. In der Schreibstube der Reparaturwerkstatt, die die Flak dort bei Wolters eingerichtet hatte, meldeten wir den Fund. Sofort wurde die Straße gesperrt. Ein Sprengkommando rückte an und ließ sich die Stelle zeigen. Eine Sprengung an Ort und Stelle war nicht möglich wegen der Nähe des Hochspannungsmastes. Die Bombe wurde freigegraben und fünfzig Meter weiter südlich niedergelegt. Jetzt wurde die Sprengung vorbereitet.

Kaiserliches Postamt
Kaiserliches Postamt

Währenddessen lagen wir bei Gärtner Ridder hinter dem Deich und beobachteten das Ganze. Zwei Männer in der Nähe unterhielten sich. „Stell dir vor, du wärest beim Heuen mit dem Wagenrad draufgeraten oder eine Kuh hätte das Ding losgetreten“ – „ja, und die Jungs sollen da heute mittag noch drauf rumgespielt haben.“ Die Jungs lagen dabei und guckten sich nur an. Dann ertönte das Signalhorn und die Bombe ging hoch. Lehm und Grassoden flogen durch die Luft. Unser schönes Leitwerk zerstob in hundert Fetzen.
Schade, das wär ein Souvenir gewesen.

maedchen

Liebe zu großen Hunden und kleinen Mädchen

Hast du denn keine Freundin?“ fragte mich Hans. Wir waren mit dem Fahrrad nach Wulfhoop unterwegs, um Erika Mertens aufzuspüren, in die er sich beim Konfirmandenunterricht verliebt hatte. Allein hatte er keine Lust gehabt, darum war ich mitgefahren. „Nein, ich habe keine Freundin, aber…“ – „Was, aber, hast du eine im Auge?“ – „Ja, deine Schwester Anne, aber ich glaube, sie mag mich nicht.“ – „Hast du sie denn schon gefragt?“ „Nein.“ – „Na also, ich frage sie heute abend und gebe dir Bescheid.“
Anne Rulfs war unsere Nachbarstochter und Mitschülerin der 6. Schulklasse. Sie hatte große, hellblaue Augen und ein energisches kantiges Kinn. Ihre blonden Haare waren von zwei kurzen Zöpfen gebändigt. Trotzdem ringelten sich Locken um den ganzen Kopf herum. So eigenwillig wie ihr Haar war auch ihr Charakter. Es gab bei ihr nur Ja oder Nein. Kein Vielleicht oder ich weiß nicht. Dabei war sie gewandt und freundlich. Mit ihrem fröhlichen Lachen gewann sie alle für sich. Ich hatte mich hoffnungslos in sie verliebt. Hoffnungslos, denn wir spielten zwar auf dem alten Mühlengrundstück, wo sie wohnte, zusammen Ballspiele, Verstecken und saßen wohl auch mal bei den Kleinen in der Sandkiste. Doch das war kein Privileg.

Brinkum Kreuzung Syke Bassum
Brinkum Kreuzung Syke Bassum

Alle Nachbarskinder taten das oder waren mit dabei. Bisher konnte ich kein Zeichen besonderer Gunst bei ihr entdecken. Darum fieberte ich dem Bescheid ihres Bruders entgegen. Der war jedoch in ein Jugendlager gefahren. So mußte ich geduldig warten, bis er zurückkehrte. Anne ließ auch jetzt keine Zuneigung erkennen. Ich schwebte zwischen Himmel und Erde und vesuchte, mich im besten Licht zu zeigen.
Nachdem sie mein Prahlen mit der stolzen Punktzahl bei den Jugendfestspielen auf dem Schulhof überhört hatte, versuchte ich im Geschichtsunterricht zu glänzen. Denn Geschichte war mein Lieblingsfach. Rektor Wecke wollte uns gerade klarmachen, daß man seinen Hund nicht nach den Helden eines Volkes nennen sollte. „Welchen Namen soll man also Hunden stattdessen geben?“ – „Tell“ anwortete ich spontan. Das darauffolgende Gelächter hätte mir nicht viel ausgemacht, doch daß Anne mitlachte, das tat weh.
Warum ich unüberlegt Tell geantwortet hatte? Tell war mein Freund. Seitdem ich einmal meine Weihnachtskekse mit ihm geteilt hatte, wartete er jeden Mittag vor Landsmann Toreinfahrt auf mich, wenn ich beim Zeitung austragen dort vorbeikam. Er war ein schwarzgefleckter Jagdhund, der mir wie ein Schatten folgte. Quer durchs „Alte Dorf“, übers Morgenland zum Kalberkamp am Erichshofer Bahnhof und über Bischoffsnadel und Studtriede zurück ins Dorf.

Kammanns altes Haus
Kammanns altes Haus

Tell war ein angenehmer Begleiter. Bei ihm brauchte man keine Raufereien mit anderen Hunden zu befürchten. Im Gegensatz zu Weselohs Hasso, der mir mal nach-gelaufen war und dofort mit Heusmanns Mop in der Hüchtingstraße eine Keilerei angefangen hatte. Da Mop an der Kette lag, biß er natürlich sofort als erster zu. Nun folgte ein fürchterliches Gebell, wobei die Hundehütte über den ganzen Hof gerissen wurde. Man meinte, daß die beiden Kampfhähne sich zerfleischen würden. Außer blutenden Lefzen waren beide heil davongekommen. Mit so einem Köter konnte man wirklich keinen Eindruck machen.
Da hatte Kniefs Bernhardiner schon ein anderes Format. Er war überhaupt für mich der edelste, stärkste und stolzeste Hund Brinkums. Seine Bewegungen waren voller Würde. Wenn andere liefen, so schritt er. Seine Stimme war kräftig und tief. Und so gemessen wie er schritt, so bellte er auch. Für kleine Kläffer hatte er nur einen mitleidigen Blick aus seinen Hängelidern übrig.
Jetzt hatte Fritz Knief, bei dem unsere Mutter nähte, mich gefragt, ob ich mit Roland Buschwerk zum Osterfeuer ins Moor bringen wollte. Und ob ich wollte! Eine größere Ehre konnte es für einen zwölfjährigen Jungen nicht geben, als mit diesem prächtigen Hund und dem herrlichen Wagen in wichtiger Mission durch die Gemeinde zu fahren.

Mühle Nordbruch
Mühle Nordbruch

Die Büsche lagen in der Wandelstraße. Als ich von der Rosenstraße in die Mühlenstraße bog, stand Fidi Gätjen oben auf der Galerie der Windmühle. „Donnerwetter“ sagte er, „das ist ein Gespann, wollt ihr Hühnerfutter oder Gerstenmehl holen?“ – „Nichts von beidem, wir fahren Sträucher fürs Osterfeuer.“ Zu gerne wäre ich in die Mühle geklettert zu den Müllersleuten, die immer zu Späßen bereit waren. Heute war aber keine Zeit für solche Scherze. Onkel Ernst, der Müller war auch nicht da. Er saß in der Veranda am Haus hinter seinem Schreibtisch und schmauchte seine lange Pfeife.
Weiter ging es über die Syker Straße. Jetzt müßte Anne mich sehen! Aber ganz bis zur Kirche rumfahren wäre doch ein zu großer Umweg gewesen. Sie sollte aber noch Zeugin meiner Hundewagen-Fahrkunst werden… Ostern war vorbei. Das Osterfeuer war erloschen. Wir stocherten noch in der letzten Glut herum, als Schusters in der Langenstraße Brikett brauchten, die ich mit dem drei Jahre jüngeren Vetter Dirk holen sollte. Wir spannten ihren Wolf vor den Hundewagen und fuhren zur Mühle Meier in die Bahnhofstraße. Wolf war natürlich nicht mit Roland zu vergleichen. Er war zwar ein starker Schäferhund, aber er war nervig und undiszipliniert. Trotzdem setzten wir uns in den Wagen und ließen uns von ihm ziehen, denn er kannte den Weg genau.

hundEs ging über den Bahnhof und dann nach rechts Richtung Mühle Meier. Dort stand Bernd Rulfs Lastwagen vollgeladen mit Getreidesäcken, die Jonny Busch gerade mit der Winde hochzog. Anne saß im Führerhaus! Weil wir Ferien hatten, durfte sie mit dem Vater mitfahren. Mit einem eleganten Bogen fuhren wir in den großen Lagerschuppen, wo die Briketts lagen. Hermann Meier donnerte sie mit der riesigen Forke in die Blechschale der Waage. Von dort wurden sie in Säcke geschüttet. Draußen unter Annes Augen begann die Rückfahrt. Jetzt konnte sie einmal sehen, wie mir der große Hund gehorchte!
Gerade wollte ich auf den Wagen klettern, als Stahmanns Katze die Straße überquerte, direkt vor unserer Nase! Soviel Frechheit konnte Wolf nicht dulden! Er vergaß Wagen und Ladung, riss die ganze Fuhre nach rechts, um die Katze zu kriegen… Er kam aber nicht weit, weil das Vorderrad sich in die Seitenbretter bohrte. Durch den Ruck war ein Sack umgekippt. Die Briketts polterten über die Straße!
Nur jetzt nicht zum Lastwagen rüberblicken! Mit rotem Kopf wurde alles wieder eingeladen. Als der Hund in Fahrtrichtung gebracht war, packten wir ihn am Halsband und zogen schön brav mit hängenden Köpfen davon. So einen Tölpel wie mich konnte man wirklich nur auslachen!

Bassumer Straße
Bassumer Straße

Jochen war uns allen technisch überlegen. Auch war er mit Werkzeug ausgerüstet, von dem wir nur träumten. Jetzt hatte er einen Elektromotor zu Weihnachten bekommen. Dieser diente zum Antrieb aller möglichen Geräte und Maschinen, die er gebastelt hatte. Heute sollte er einem ganz anderen Zwecke zugeführt werden. Wir hatten ihn in Pöttcher Lampes Laden gestellt und mit einer Spule versehen, die einen langen Twistfaden in küzester Zeit aufwickeln konnte. Am Ende des Fadens war ein durchbohrtes Markstück befestigt. Dieses wurde vor Stedings Hecke gelegt. Wenn es einer aufheben wollte, war es im Nu futsch. Dieser Streich war unserem technischen Zeitalter an-gemessener als die langweiligen Portemonnaiestreiche. Er funktionierte so gut, daß keiner etwas merkte. Bei Radfahrern, die erst absteigen mußten, hatte man ohnehin genug Zeit zum Wegzaubern. Doch auch bei Fußgängern gelang der Streich. Wir hielten uns den Bauch vor Lachen, wenn die Leute sich ratlos an den Kopf faßten. „Mensch, du hast doch ein Geldstück gesehen, kannst du denn nicht gucken?“ So narrten wir nacheinander Gefkens Adele, Landsmanns Jan, Metschen Dirk und andere.

Hof Dunkhase
Hof Dunkhase

Doch jetzt kam Anne, die bei ihren Großeltern gewesen war, nach Hause. Sie erblickte das Markstück und starrte auf den Boden, als es plötzlich nicht mehr da war. Irgend etwas mußte sie bemerkt haben. Vielleicht hatten wir hinter der Fensternische zu laut gekiechert. Sie blickte jedenfalls mit ihren großen Augen in unsere Richtung. Dann warf sie ihre Zöpfe nach hinten und stampfte mit kurzen energischen Schritten davon. Mir war nicht ganz wohl dabei, denn wenn sie etwas bemerkt hatte, sah es für meine Werbung nicht gut aus.
Jetzt traute ich mich nicht mehr, ihr unter die Augen zu treten. Statt auf dem Mühlenhof zu spielen, trieb ich mich auf der Straße herum. Vor lauter Frust ritzte ich die Anfangsbuchstaben unserer beider Namen in einen Ziegelstein des Stalles neben der Mühle.
Wenn Berthold Mügge -als er die Kirche malte- etwas schärfer hingesehen hätte, wären unsere Namen auf seinem Bild verewigt worden. Dem Maler aber genügten ein paar Andeutungen von Steinen. Er überließ es der Phantasie des Betrachters, den Stall fertig zu malen.
Hans war von der Jugenherberge zurückgekehrt. Als ich ihn am Sonntag abends traf, sagte er: „Anne ist einverstanden, sie will mit dir gehen.“ Das hatte ich nicht erwartet! Ich war sprachlos und seelig!!! Meine Phantasie schlug Purzelbäume. Jetzt würden alle Träume wahr werden! Wir würden uns umarmen, einen Kuß geben und unsere Liebe bekennen!!!

hund_lDoch als wir uns am nächsten Tag trafen, war alles unverändert! Wir sprachen wohl miteinander, aber nicht über uns. Wir spielten wohl miteinander, aber wir umarmten uns nicht. So gingen Wochen und Monate dahin! Keiner hatte den Mut, sich aufzutun.
Allmählich kamen mir Zweifel, ob Hans die Wahrheit gesagt hatte. Wir spielten wieder einmal auf dem Mühlenhof. Der Erfinder der Abenteuer-Spielplätze hätte sich hier wohl Anregungen holen, aber nichts, auch nur annähernd Ähnliches schaffen können. Haus und Stallungen waren im Viereck um den großen Hof gruppiert. In der Mitte unter einem riesigen Holzdach stand eine Dreschmaschine, daneben Bernd Rulfs Lastwagen. Neben der Dielentür unter dem Kinderzimmerfenster befand sich die große Sandkiste. Auf dem alten Hüsenshof war die Landwirtschaft schon seit langem aufgegeben worden. Zuletzt hatte man dort eine Mühle betrieben, die aber auch schon wieder 15 Jahre still lag. Die Stalltüren waren offen, so daß man überall in den Pferde- und Schweineställen zwischen altem Gerät herumstöbern konnte, Keiner sagte uns etwas. Nur die alte Mühle an der Bremer Straße entlang war verschlossen. Geheimnisvoll und verwunschen stand sie da.

Brinkumer Kirche mit Hauptzollamt
Brinkumer Kirche mit Hauptzollamt

Eines Tages konnte ich Anne beim Verstecken spielen nicht finden. Sie war unter die Rampe gekrochen, wo sie keiner vermutete. Ein leises Kichern verriet sie. Ich kroch hinterher. Wir saßen ganz dicht beieinander! „Bald hättest du mich gar nicht gefunden,“ sagte sie, „dann wäre ich nämlich in die Mühle gekrochen. Guck mal, das Kellerfenster ist nur angelehnt“. Das war eine Entdeckung! „Komm laß uns reinklettern.“ Nacheinander rutschten wir in das dunkle Untergeschoß. Über enge Treppen drangen wir nach oben vor. Es herrschte Dämmerlicht. Die blinden Fenster ließen keine Helligkeit durch. Jeder Laut wurde von dem dicken Mehlstaub gedämpft. Spinnweben waren gelb-weiß gepudert. Hier war man plötzlich vom hellen Sonnenschein in eine märchenhaft verzauberte Welt gekommen. Aber das größte Wunder stand uns noch bevor!
Zwischen Mühlsteinen und Mehlgängen kletterten wir immer höher bis oben auf den Dachboden. Hier war alles aufgeräumt und leer. Gerade wollten wir wieder runtersteigen, als Anne fragte: „Was ist denn das für ein Loch da in der Wand?“ Tatsächlich, da in der nord-östlichen Ecke des Raumes gähnte ein mannshohes Loch im Dämmerlicht. Als wir näher kamen, sah man, daß der Raum in einen dunklen Gang mündete. Wohin mochte der führen?
Erwartungsvoll tasteten wir uns voran. Nach etwa sieben Metern standen wir auf einem großen Boden. Es war der Heuboden des alten Bauernhauses. Wahrscheinlich hatte man dort zuletzt Getreide gelagert und darum den Durchbruch zur Mühle geschaffen.

Fassens-Lohmann
Fassens-Lohmann

Jetzt wäre es ein Leichtes gewesen, auf den Flur der nach Norden gelegenen Wohnung zu kommen, wo mein Großonkel Heinrich und Tante Marie wohnten. Von dort könnte man die Treppe hinuntersteigen und wieder nach unten ins Haus kommen, doch die Fußbodenbretter knackten, und Anne hatte Angst, nach unten auf die Diele zu fallen.
Nachdenklich zogen wir uns zurück. Man konnte nämlich durch das Kellerfenster über die Mühle ins Haus gelangen. Das durfte niemand wissen. Wir gelobten Stillschweigen. Nun hatten wir ein gemeinsames Geheimnis! Das schaffte eine engere Vertrautheit.
Es war Hochsommer geworden. Jochen hatte seine Liebe zu Anne entdeckt. Jetzt hatte ich einen ernst zu nehmenden Rivalen. Nach der Gluthitze des Tages kalberten wir eines Abends noch vor der Mühle herum. Anne sollte ihre Brüder ins Bett bringen. Die waren noch nicht müde, tobten in kurzen Hemdchen durch die Kammer und über die Betten.

Bruns Gasthaus
Bruns Gasthaus

Wir kasperten in der Sandkiste genau unter dem Kammerfenster. Anne lag im Nachthemd mit den Ellenbogen auf der Fensterbank. Den Kopf hatte sie in beide Hände gestützt. Mit einem breiten Lächeln genoß sie den Abend, hinter ihr alberten die Brüder, vor sich hatte sie die albernden Verehrer. Da kam einem von uns ein Gedanke. Wir holten uns jeder einen Ziegelstein und ritzten unseren und Annes Namen hinein. Jeder legte seinen Stein vor sie auf die Fensterbank. Wie würde sie sich verhalten? Unser Innerstes lag jetzt vor ihren Augen offen da. Als sie die Namen las, wurde ihr Lächeln noch breiter. Doch dann erstarb es, sie richtete sich auf und schubste Jochens Stein von der Fensterbank. Darauf machte sie das Fenster zu und zog die Gardinen davor.
Das war deutlich. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr. Wozu bekennen, küssen, umarmen? Sie hatte sich entschieden, und das war mehr wert!

Pfarrhaus an der Bremer Straße
Pfarrhaus an der Bremer Straße

EIN WUNDER IST GESCHEHEN

Die Sorge um das Bild trieb mich immer noch um. Wurde es noch irgendwo verwahrt? Oder war es schon den Weg aller nutzlosen Dinge in Richtung Sperrmüll gegangen?
Gestern traf ich im Pfarramt unsere junge Pastorin. Da hab ich mir ein Herz gefaßt und habe sie nach dem Bild gefragt. Sie hat mich daraufhin über die Straße und über den Hof ins Alte Pfarrhaus geführt. Gleich geradeaus ging es durch eine Tür ins Kirchenarchiv.
Dort hing es! Gleich rechts an der Wand!
Aber, wer hatte es gerade gebogen? Ein Wunder war geschehen.
Wahrscheinlich hatte sich die Krümmung bei der kühlen Temperatur des Raumes zurückgebildet.
Da hing es nun inmitten der jahrhundertealten Akten im sauber geordneten Archiv Dort hatte es einen guten Platz. Dort gehörte es auch hin, denn es war selber schon ein Stück Kirchengeschichte geworden. Dies war eine große Freude für mich. Lange hatte ich nicht mehr einen so guten Tag erlebt.

Anhang

Grafik: Harry Schröder
Fotos: Sammlung Harry Schröder

Alle Rechte bei Harry Schröder, Pestalozzistraße 18, 28816 Stuhr