Renates Geburt

Die Lage Brinkums vor den Toren einer Großstadt und die Nähe des Flugplatzes im Neuenlander Feld waren schon seit Beginn des Krieges hauptsächlich die Ursache für die relativ harten kriegerischen Auseinandersetzungen in und um Brinkum. Im Laufe des Krieges entstanden hier 43 mit dicken Zementwänden und -decken versehene Gemeinschaftsbunker, von denen heute noch etliche vorhanden sind. In den ausgebauten Kellern und in den Bunkern haben die Brinkumer Einwohner in Alarmnächten, bei Angriffen aus der Luft und besonders in den kritischen Tagen des April 1945 manche Stunde verbracht.
Mit größter Spannung wurden die Wehrmachtsberichte besonders in der kritischen Zeit des Nachwinters 1945 verfolgt. Am 30. März hieß es im Heeresbericht: „Feindliche Panzerabteilungen stoßen aus dem Raum Marburg weit nach Norden vor und bahnen den Weg nach Norddeutschland.“ Am 9. April 1945: „Zwischen der Ems und der Weser vorstoßende britische Verbände wurden in heftige Kämpfe verwickelt und stehen mit den vordersten Spitzen in der Weserniederung zwischen Syke und Verden“.
Anfang April 1945 bezog ein SS-Ausbildungsbataillon, etwa 500 Soldaten, eine Verteidigungsstellung in Brinkum. Eine Marinetruppe mit Geschützen unterstützte die SS. Der Volkssturm errichtete aus gefällten Bäumen Panzersperren an den Dorfeingängen und an der Ortsgrenze nach Hörden wurden Geschütze in Stellung gebracht. Die politische Führung in Bremen hatte befohlen, die Stadt mit allen Mitteln zu verteidigen und ordnete unter anderem an, die Brinkumer Marsch durch das Bewässerungssystem von Dreye aus unter Wasser zu setzen.
Am 15.4.1945 begann die Artilleriebeschießung Brinkums. Brinkum erweckte aus der Sicht Bremens den Eindruck, als ob es völlig vernichtet werde.
Aus dem englischen Kriegstagebuch stammt folgender Auszug: „Am 13. 4. befahl das 30. Korps der 3. britischen Division Brinkum einzunehmen als Vorbedingung für die Einnahme von Delmenhorst, das genau westlich von Bremen liegt. Die 3. britische Division gab den Auftrag, Brinkum zu erobern, der 8. Infanterie-Brigade. Zuerst war der Widerstand nur gering, beim weiteren Vorrücken versteifte er sich, so daß die Brigade um 20.15 Uhr am13.4. kurz vor Brinkum halt machte. Der Plan wurde geändert. Am 14.4. erhielt die 185. Infanterie-Brigade um 12.14 Uhr den Befehl, zuerst Leeste und dann Brinkum einzunehmen. Es wurde jedoch erkundet, dass Brinkum durch ein Waffen-SS-Bataillon gehalten wurde. Der Angriff wurde um 24 Stunden verschoben.“
Am 15.4., nach dem Artilleriebeschuss, gelang es den Engländern von Erichshof aus, die Verteidigungslinie zu durchstoßen. Am Ende des Tages war man halbwegs durch Brinkum, als die Dunkelheit eintrat. Es wurde gehalten und bei Tagesanbruch erneut vorgegangen. Am 16. 4., um 16.00 Uhr, war Brinkum besetzt.
Zu dieser Zeit hatte das Brinkumer Baby gerade das Licht der Welt erblickt.
Schon am 15.4. hatten die Brinkumer, so auch die hochschwangere 26jährige Frau aus der Bassumer Straße, während des Artilleriebeschusses die Bunker und Keller aufgesucht. Als sich die Kampfhandlungen gegen Abend beruhigten, konnte man endlich wieder in die Wohnungen. Am nächsten Tag setzten sich die Auseinandersetzungen aber schon sehr früh fort.
Die hochschwangere Frau wollte wieder in den „Kniemeyer-Bunker“ an der Bassumer Straße. Der Bunker war aber bereits überfüllt. So musste sie zurück ins Haus „Kniemeyer“, wo sie Schutz in den Kellerräumen erhoffte. Hier in den Kellerräumen brachte sie dann am 16.4., gegen Mittag, ihre zweite Tochter zur Welt, unterstützt von Nachbarinnen, aber ohne fachkundige Hilfe.
Eine Nachbarin nahm allen Mut zusammen, verließ den schützenden Keller und lief, ein weißes Tuch schwingend, an den englischen Soldaten vorbei in Richtung Seckenhauser Mühle, wo ein englischer Arzt sein sollte. Sie erreichte den Arzt, schilderte die Geburt und erbat ärztliche Hilfe. Tatsächlich folgte ihr der Militärarzt in den Keller an der Bassumer Straße. Hier erledigte er fachkundig die Nachsorge der Geburt, wollte aber nicht darauf verzichten, Mutter und Kind in das Bassumer Krankenhaus bringen zu lassen. Ein Satz des englischen Arztes ist überliefert: „Das Kind soll aber nicht Adolf heißen.“
Er organisierte den Transport von Mutter und Kind auf einem offenen Geländewagen, der sie mit verletzten Engländern zusammen zum Krankenhaus Bassum bringen sollte. Dort war das Krankenhaus allerdings überfüllt, und so ging der Transport weiter zum Krankenhaus in Twistringen.
So war es auch kein Wunder, dass der Vater des Kindes sich sehr große Sorgen machte, als er seine Ehefrau und sein Kind Tage später in Bassum nicht finden konnte. Erst eine Nachfrage in Twistringen nahm ihm die größten Sorgen. Mit Fahrrad und Anhänger fuhr er nach Twistringen, wo er seine Familie wiedersah. Gebettet in den Fahrradanhänger traten Mutter und Kind den Rückweg nach Brinkum an.

Wolfgang Rau
November 2008

Quellen:
1.Aufsatz von D. Lohmann in einem Buch, das von H. Rauschert herausgegeben wurde
2.Mündliche Berichte von Mutter und Nachbarn