Erinnerungen an meine Großmutter

Wenn ich an meine Oma denke, sehe ich sie vor mir in einem dunkelblauen Kleid mit kleinen weißen Pünktchen und einem weißen Spitzenkragen. Ihre langen schneeweißen Haare waren zu einem Knoten zusammengebunden. Sonntags ondolierte sie die Haare mit einer Brennschere, die zuvor in der Glut des Ofens warm gemacht worden war. Meine Oma war eine richtige Norddeutsche. Sie war eine sehr ruhige, gütige und liebevolle Frau. Niemals habe ich sie laut lachen hören und niemals hat sie laut geschimpft. Sie war sehr fromm und hatte ihren festen Platz in der Kirche. Während unsere Eltern mit uns Kindern hochdeutsch sprachen, äußerte sich Oma ausschließlich auf plattdeutsch.

Sie hatte selbst sieben Kinder zur Welt gebracht, sechs Mädchen und einen Jungen, der sich im September 1944 im Alter von 17 Jahren freiwillig zum Kriegsdienst meldete und im Dezember 1944 in Belgien gefallen ist. Oma hatte den Beruf der Schneiderin erlernt. So war sie in der Lage, auch für uns Bekleidung herzustellen. Zum Schulanfang hatte sie für uns hübsche Kleider oder Hemden genäht, „meistens machte sie aus alt neu“. Für dreizehn Enkelkinder war sie stets da, aber es wohnten nicht alle am Ort und so waren meistens nur drei bis sieben von ihnen tagsüber in ihrer Nähe. Nicht zuletzt auch deshalb, weil Oma den schönsten Garten der Welt hatte. Aber Oma kümmerte sich nicht nur um uns. Da gab es in einem kleinen Anbau noch zwei Schweine, viele Hühner und „Flocki“, den schwarz-weißen Mischlingshund, der oft kleine Schwarzbrotstückchen, bestrichen mit Margarine, zum Fressen bekam, denn es gab noch kein Hundefutter zu kaufen. Während die Eltern arbeiteten, war die Oma sozusagen unsere „Tagesmutter“.

Omas Garten war das reine Kinderparadies. Er war voller Blumen, die oft größer waren als wir Kinder, z. B. Gladiolen, Dahlien, Astern oder Chrysanthemen. Auf dem Komposthaufen wuchsen die verschiedensten bunten Kürbisse, groß wie Fuß- oder gar Medizinbälle. Und in einem Apfelbaum hatten die Jungs ein Baumhaus aus Brettern zusammengebaut, aus dem wir die Welt heroisch von oben betrachteten. Zur Erntezeit war es uns erlaubt, soviel Obst und Gemüse zu essen wie wir wollten. Ich erinnere mich an Karotten, Kohlrabi, Radieschen, Gurken, Äpfel, Birnen, Pflaumen und Kirschen. Dazu hatte der Opa für jedes Enkelkind einen Stachelbeerbaum gepflanzt. Nur die Erdbeeren waren für uns Kinder tabu.
Trotz dieser Vielfalt konnten mein Bruder und ich es nicht lassen, vom Anhänger eines vorbei fahrenden Pferdefuhrwerks eine Steckrübe zu organisieren, die wir heimlich in unserem kleinen Wäldchen im hintersten Eck vom Garten gegessen haben. Ich frage mich noch heute, wie wir es geschafft haben, sie in Stücke zu zerteilen, da sie ja ziemlich hart ist.

Bestimmt ist es so, dass die Liebe zu meiner Großmutter auch durch die vielen köstlichen Speisen, die sie kochen konnte, geprägt ist. Irgendwie hatten wir zu der Zeit aber auch immer Hunger, und bei Oma wurden wir immer satt.
Die Mahlzeiten wurden immer in der Küche eingenommen, im Wohnzimmer wurde nur an Fest- und Geburtstagen gegessen. In großer Runde (8 bis 12 Personen) saßen wir am Tisch. Vor jedem Essen wurde gebetet, manchmal durften auch wir Kinder das Gebet sprechen: „Komm, Herr Jesus, sei unser Gast und segne, was Du uns bescheret hast!“ Manchmal gab es Berge von Apfelpfannkuchen, die wir mit Zimt und Zucker bestreut haben. Ich erinnere mich auch an eine Riesenschüssel voller Vanillepudding mit Eischnee, in den ich schon vor dem Essen gerne meinen Zeigefinger zum Schlecken hineingesteckt hätte, aber das war strengstens verboten.
Sonst kann ich mich noch an Hühnersuppe mit Eierstich, Steckrübensuppe, Buttermilchsuppe mit Rosinenklößen und an die leckeren Bratkartoffeln mit Speckwürfeln erinnern. Omas Spezialgericht aber hieß Speck mit Klüten, dazu gelbe Rüben mit Zuckerkruste. Etwas ganz besonderes waren die kleinen Nordseekrabben, die mit Petersilie-Kartoffeln gegessen wurden.
Einmal gab es Pferdebohnen und wegen der unansehlichen braunen Farbe habe ich mich gesträubt, sie zu essen. Ich musste so lange am Tisch sitzen bleiben, bis der Teller leer war. Als alle gegangen waren, habe ich ein bisschen davon probiert und festgestellt, dass die Bohnen eigentlich ganz lecker waren.
Zum Trinken gab es nur Leitungswasser, manchmal köstlichen Holunderbeersaft.

Nach dem Essen wurde abgewaschen und abgetrocknet, denn einen Geschirrspüler gab es natürlich noch nicht. Dabei wurden immer Volkslieder („Horch, was kommt von draußen rein?“, „Am Brunnen vor dem Tore“, „Lustig ist das Zigeunerleben“, „Wem Gott will rechte Gunst erweisen“, „Weißt Du, wieviel Sternlein stehen?“, „Wenn ich ein Vöglein wär“, „Der Mai ist gekommen“, „Die Gedanken sind frei“ u. v. a.) gesungen.

Sehr gerne erinnere ich mich auch an den sonntäglichen Kinderfunk im Radio. Punkt 14.00 Uhr schlichen wir dann in die gute Stube, um uns „Kalle Blomquist, der Meisterdetektiv“ anzuhören. Opa lag rücklings auf dem Sofa und schlief mit offenem Mund. Oft stritten wir uns darüber, wer ihm nun die Stiefel ausziehen durfte. Oma saß in einem großen Lehnsessel. Ihr Kopf war zur Seite geneigt, das Strickzeug war ihr entglitten und lag im Schoß. Totenstill lauschten wir dem Hörspiel, keiner traute sich, in dieser Atmoshäre etwas zu sagen. Trotzdem wurde Oma immer pünktlich zum Ende des Hörspiels wach, schlenderte zum großen Kachelofen, öffnete eine Klappe und zauberte für jeden von uns einen köstlichen Bratapfel hervor.

Übrigens gab es damals noch keine Kühlschränke. Viele Speisen wurden im Haus aufbewahrt, die meisten im Keller, weil es dort immer kühl war. Über eine steile Treppe ging es in den Keller. Gleich am Eingang des Kellers stand eine sehr große altertümliche Brotschneidemaschine mit körnigem dunklen Vollkornbrot. Hier standen große Tonkrüge mit eingelegter Roter Beete, Soleiern, Essiggurken und unzählige Einweckgläser, die mit Kirschen, Birnen oder auch süß-sauren Kürbiswürfeln gefüllt waren.
Oben, auf dem Dachboden, war eine Räucherkammer. Dort hingen ein riesiger Schinken und gestreifter Speck. Im Winter lagen auf dem Dachboden in den Regalen oder auch auf dem Holzfußboden unzählige Äpfel. Sie lagen auf Zeitungspapier und waren nach Arten sortiert.

Viele Lebensmittel mussten aber auch täglich frisch gekauft werden. Das erledigten meistens wir Kinder. Dazu gingen wir in einen nahe gelegenen Kaufmannsladen, den viele heute als „Tante-Emma-Laden“ bezeichnen würden. Mehl, Zucker, aber auch Milch, alles gab es lose und wurde passgenau für uns abgewogen.
Mit vielen Waren gab es sogenannte Sammelbilder, die schönsten beim Einkauf von Margarine. Diese Bilder wurden in Alben eingeklebt, und schon hatte man irgendwann ein wunderschönes Buch. Meine Sammelbilderalben „Heidi“ von Johanna Spyri und das „Sprichwörteralbum“ habe ich sehr geliebt, während mein Bruder es mehr mit den Abenteuern des „Robinson Crusoe“ hatte.
Aber auch Milch haben wir gerne eingekauft. Auf dem Heimweg vom Kaufmann haben wir die Milchkanne (eine kleine Kanne für 1 bis 2 Liter) am ausgestreckten Arm im Kreis geschleudert. Wir waren stolz wie Bolle, wenn kein Tropfen Milch verloren ging.

Wir haben aber nicht nur eingekauft. Der Waschtag war für die Oma auch eine wirkliche Qual. In der großen Waschküche, die sich in einem Anbau des Wohnhauses befand, gab es zwar schon eine Art Waschmaschine mit einem Holzdrehkreuz, aber die Wäsche musste trotzdem noch auf einem Waschbrett gerubbelt, gespült und ausgewrungen und dann, schön geordnet, auf die Leine gehängt werden. Ich wollte der geplagten Oma gerne helfen, und so durfte ich immer 3 Taschentücher mit einer Klammer an die Leine hängen. Ich glaube, es waren hunderte, denn Papiertaschentücher gab es damals noch nicht.

Lustig ging es auch immer zur Erntezeit zu, wenn Erbsen gepult, Bohnen entfasert, Kirschen entstengelt oder Äpfel geschält wurden. Dann saßen wir in einem großen Kreis auf dem Hof, haben fleißg gearbeitet und dabei laut und fröhlich gesungen. Meine Tante Tudi konnte sehr gut singen und kannte vor allen Dingen viele Texte. Ich habe bestimmt meistens nur mitgebrummt, fand es aber herrlich.

In der Waschküche wurde auch geschlachtet. Für mich war das immer eine besonders unheimliche Atmosphäre. Neugierig und ehrfürchtig betrachteten wir das tote Schwein, das plötzlich in zwei Hälften geteilt da hing. Oma hatte ein weißes Tuch über die Haare gewickelt und rührte in dem großen Waschzuber. In der Küche wurden Därme gewaschen und Würste gemacht. Da mussten alle Onkel und Tanten mithelfen. Am Abend des Schlachttages gab es immer gebratene Büdelwurst. Hmhm, lecker.

Wenn wir am Wochenende einmal bei unserer Oma übernachten durften, konnten wir auch das Baden in einer großen Zinkwanne genießen. Die Wanne stand dann mitten in der Waschküche. Das Badewasser wurde im Waschzuber erhitzt und dann mit Eimern in die Wanne gefüllt. So stand die ganze Waschküche unter Dampf, besonders, wenn es draußen schon etwas kälter war. Weil sämtliche verfügbaren Kinder im selben Badewasser gewaschen wurden, war Pippimachen strengstens verboten. Manchmal ist es aber trotzdem passiert. Nach dem Baden wurden wir in Handtücher gewickelt und über den Hof ins Haus getragen. Wenn wir dann folgsam ins Bett gegangen sind, haben uns die Heinzelmännchen in der guten Stube Häuser, Bäume und Tiere aus Knetgummi gebastelt, die wir morgens staunend und überglücklich bewundert haben.

Wie oft haben Oma, aber auch unsere Eltern mit uns abends gespielt. „Halma“, „Mühle“, „Hütchen“, „Angeln“ und „Mensch ärgere dich nicht“, sowie die Kartenspiele „Rommé“, „Buhr bi“, „Lotto“ und viele andere haben wir regelmäßig hervor geholt. Draußen, unter Kindern, haben wir „gemarmelt“, d. h. wir haben kleine Kugeln aus Glas oder Ton in Erdlöcher gestoßen, oder wir haben mit den Vorder- und Rückseiten von Zigarettenschachteln „Beute“ gemacht. Aber auch „Halleluja“, „Hinkelapinkel“, „Himmel und Hölle“, „Verstecken“, „Kriegen“ und vieles mehr haben wir mit Begeisterung gespielt.

Weihnachten bei Oma war natürlich etwas ganz Besonderes. Am Heiligen Abend, nach dem Kirchgang, sind alle Kinder mit zur Oma gegangen. Ungeduldig warteten wir vor der „guten Stube“ auf Einlass. Als wir eintreten durften, brannten nur die Kerzen des Tannenbaumes und der ganze Raum roch nach Weihnachtsgebäck und Bratäpfeln. Oma zeigte jedem, wo er sitzen sollte, und wir setzten uns alle an den großen Esstisch, auf dem eine große weiße Tischdecke lag. Unter der Tischdecke war vor jedem Kind ein kleiner Hügel, denn der Weihnachtsmann hatte für jeden etwas unter die Tischdecke geschoben.
Nach einem gemeinsamen Weihnachtslied sollte jeder ein kleines Weihnachtsgedicht aufsagen. Erst danach durfte man die Decke anheben und das Geschenk an sich nehmen. Noch einmal haben alle ein Weihnachtslied gesungen und dann ging es ab nach Hause, wo der Weihnachtsmann ja inzwischen auch gewesen war.
Ich weiß, dass wir nur einmal von unserer Tante bei Schneefall mit dem Schlitten nach Hause gefahren wurden, aber in meiner Erinnerung an Weihnachten bei Oma war es jedesmal so.

Seit ich selbst für die Gestaltung des Weihnachtsfestes verantwortlich bin, versuche ich, diese einzigartige Stimmung weiter zu geben. Manchmal denke ich, dass ich das nicht schaffen kann. Und dann hoffe ich, dass meine Kinder und Enkelkinder es anders sehen.