Erinnerungen an die Kriegsjahre 1943 bis 1945

Im Jahre 1943 war ich mit 6 Jahren das zweitälteste Kind in unserer damals 7köpfigen Familie.
Wir wohnten seinerzeit bei meinen Großeltern, die einen kleinen landwirtschaftlichen Betrieb hatten.
Im August 1943 wurde ich eingeschult. Als Schulanfänger bekamen wir gleich ein Stück NS-Drill zu spüren. Wir mussten, obwohl wir davon keine Ahnung hatten, vor der aufgezogenen Fahne singen. Unser Schulleiter prüfte genau, wer nicht mitsang. Hatte er einen erwischt, bekam dieser gleich eine Ohrfeige. Beim nächsten „Fahnensingen“ waren wir schon etwas schlauer. Ältere Schüler hatten uns aufgeklärt. Da wir die Lieder überhaupt nicht kannten, bewegten wir beim Singen nur die Lippen. Aber auch diese Schummelei deckte der Lehrer schnell auf. Das Singen vor der Fahne war für uns kleine Schüler der reinste Horror.

Mein Vater wurde im Oktober 1943 zum Militärdienst eingezogen. Zunächst war er im deutsch-holländischen Grenzgebiet stationiert. Solange er noch in Deutschland war, schrieb er oft schöne Postkarten an seine Kinder und lange Briefe an Mutter. Wir bekamen auch hin und wieder Spielsachen, die von Kriegsgefangenen hergestellt worden waren. Durch den Tausch mit Brot und Zigaretten hatte mein Vater die Spielsachen erworben.
Kurz vor Weihnachten kam die Nachricht, dass mein Onkel, ein Bruder meiner Mutter, in Russland gefallen war. Die Nachricht wurde vom „Ortsgruppenleiter“ der Partei überbracht. Er sprach von Heldentod und großer Ehre für das Vaterland. Meine Mutter hat nur noch geweint, tagelang. Mein Opa, der Vater des Gefallenen, hat wochenlang kaum gesprochen. Er wurde zunehmend mutlos und oft reizbar. Später sagte er zu mir: „Jetzt, wo mein Sohn tot ist, musst du mir auf dem Hof helfen und später den Betrieb übernehmen. Als 6 – 7jähriger musste ich also beim Füttern, im Garten und auch auf dem Feld leichte Arbeiten verrichten.
Obwohl wir schon seit 1941 immer einen Kriegsgefangenen zugewiesen bekamen, musste die meiste Arbeit von Opa und Mutter bewältigt werden. Die Gefangenen wechselten oft und mussten sich dann an die für sie ungewohnte Arbeit gewöhnen.

Der Krieg wurde im Winter 43/44 immer heftiger. Mutter und Großeltern hörten oft Radio. Mein Opa nannte das Radio einen Lügenkasten, weil immer mehr von deutschen Siegen und Durchhalteparolen berichtet wurde.
Die Versorgung der Familie war durch die eigene Landwirtschaft gesichert. Wir hielten auch seit 1942 einige Schafe. Die Wolle wurde zu Socken, Pullovern und anderen Kleidungsstücken verarbeitet. Andere Bedarfsgüter waren auf Bezugsschein oder Marken zu beziehen. Kinderreiche Familien wurden bevorzugt bedacht. Wir Kinder haben viele Spielsachen, Bekleidung und Bücher von Verwandten aus dem Ruhrgebiet bekommen. Dafür schickten wir dann Nahrungsmittel zurück. Mangel haben wir nie gespürt. Luxus hatten wir ja auch noch nie kennen gelernt.

Meine Mutter konnte im Sommer 1944 meinen Vater besuchen. Der war zur Operation eines Leistenbruchs in einem Lazarett in Melle. Als sie mit dem Zug dorthin reiste, fuhr auch ein russischer Kriegsgefangener mit. Er wurde beschuldigt, ein Mädchen aus Lohne vergewaltigt und getötet zu haben. Er ist unterwegs durch ein Fenster aus dem fahrenden Zug geflohen, obwohl er an den Händen gefesselt war. Nach einer Notbremsung des Zuges wurde der Mann wieder eingefangen. Er wurde in Osnabrück zum Tode verurteilt.

Im Oktober 1944 bekam mein Vater zum letzten Mal Urlaub, bevor er nach Russland musste. Vorher haben mein Vater und ein Onkel unseren Keller wegen der zunehmenden Bombenangriffe mit Bohlen und Ständern abgestützt. Außerdem bekamen wir eine zweistöckige Notpritsche in den Keller. Dadurch wurde es dort sehr eng. Wenn plötzlich Fliegeralarm war, rannten alle in den Keller. Unserer Oma, die körperlich behindert und schwerhörig war, mussten wir hinein helfen. Mein Opa ging nie in den Keller. Er hatte einen Unterstand in einem Strohhaufen. Er sagte immer: „Durch dickes Stroh schießt keiner hindurch, und ich werde auch nicht von dem einstürzenden Haus erschlagen“. Er hatte seine Erfahrungen im 1. Weltkrieg in Frankreich und Russland gemacht. Ab Herbst ’44 war sehr oft Fliegeralarm. Der Schulunterricht wurde dann immer abgebrochen. Wir mussten uns möglichst unter Bäumen und Hecken nach Hause schleichen.

Im Dezember 1944 kam der Kriegsgefangene Louis zu uns. Siegfried, der Pole, der ein Jahr bei uns war, ist wahrscheinlich geflohen. Er sagte, er hätte Freunde, die ihm helfen, wieder nach Polen zu kommen. Er hatte viel Bekleidung von meinem Onkel mitgenommen (gestohlen), obwohl ihm die Sachen viel zu klein waren. Der neue Helfer war sehr nett. Er kam aus Frankreich. Er sorgte gewissenhaft für die ganze Familie und auch für das Vieh. Er musste das Futter heranschaffen. Außerdem half er beim Dreschen und beim Zubereiten des Brennholzes für den nächsten Winter.

In den letzten Wochen des Jahres 1944 wurden noch viele Jungen zum Kriegsdienst eingezogen. Von den drei Jungen (16jährige) aus unserer Nachbarschaft, die Ende Dezember verpflichtet worden sind, ist nur einer, schwer verwundet, zurückgekehrt.

Im neuen Jahr kamen die ersten Familien, die aus dem Osten geflüchtet waren. Sie wurden bei unseren Nachbarn einquartiert. Wir mussten keinen Flüchtling aufnehmen. Unser kleines Haus war schon mit sechs Erwachsenen und sieben Kindern voll belegt. Zu unserem Nachbarn kam der 11jährige Helmut, der ein richtig guter Spielkamerad wurde. Sein Vater war im Krieg gefallen. Seine Mutter kam mit acht Kindern (das neunte, eine 17jährige Tochter, hatten die Russen festgehalten). Die Kinder wurden auf verschiedene Familien verteilt. Die Mutter hatte nur die zwei kleinsten Kinder bei sich.

In diesem Winter fielen in unserer Nachbarschaft mehrere Bomben. Sie waren, so munkelte man, von deutschen oder englischen Bombern auf der Flucht abgeworfen worden. Die Krater wurden von Kriegsgefangenen wieder eingeebnet. An den umliegenden Häusern waren Türen und Fenster eingedrückt und Dächer abgedeckt worden. Einige Kinder erlitten Verletzungen durch Glassplitter.
Ein Bombensplitter durchschlug die Tür des Kuhstalles, flog über die Kühe hinweg durch den Wohnteil des Hauses in den Garten und passierte dabei einen Kinderwagen, in dem ein kleiner Junge lag. Alle Leute sprachen von einem Wunder, weil kein Mensch zu Schaden gekommen war.

Im Februar wurde der Schulunterricht eingestellt. Die Versorgung der Bevölkerung mit Nahrung wurde immer schwieriger. Auch die vielen Kontrollen und die Suche der Behörden nach letzten Vorräten konnten daran nichts ändern.
Bei unserem Nachbarn verendete ein Pferd. Da auch ein Kadaver im Krieg als wertvoller Rohstoff galt, wurde er beschlagnahmt. Weil das Pferd auch nach einer Woche noch nicht abgeholt worden war, hat man es begraben. Kaum war das Tier unter der Erde, kam die Polizei und ordnete an, dass es wieder ausgegraben werden musste. Das war, weil es in der Zwischenzeit heftig geregnet hatte, sehr schwierig. Zuletzt mussten zwei Pferde den Kadaver wieder hochziehen. Unser Nachbar hatte Glück, dass er nicht bestraft wurde.

Im Frühjahr wurde es auf der Reichsstraße, an der wir direkt wohnten, sehr unruhig. Es wurden winklige Schützengräben (Schanzen) ausgehoben. Diese Arbeiten mussten ältere Männer (Volkssturm) mit Hilfe von Kriegsgefangenen verrichten.
Alle diese Ereignisse weckten in uns Kindern eine große Neugier. Mit meinem Bruder wollte ich jede Beobachtung genau untersuchen. Wir fanden, wenn Soldaten oder Gefangene Rastplätze verlassen hatten, immer etwas Brauchbares oder auch Gefährliches wie Streichhölzer, Benzin, ein Feuerzeug oder auch Munition. Scharfe Munition haben wir immer bei der Mutter abgegeben. Mein Opa hat die Munition dann vergraben. Einmal fand mein Bruder einen ganzen Gürtel Maschinengewehrmunition. Diesen Fund hat meine Mutter auf dem Sofa gelagert, die Tür zum Wohnzimmer abgeschlossen und die Polizei gerufen. Wir wurden dann von einem Wachtmeister verhört. Wahrscheinlich wollte man herausfinden, wer die Geschosse verloren hatte.
Das Wetter war in diesem Frühjahr sehr schön. Wir hatten einen zeitigen, milden Frühling, und als ab Februar der Schulunterricht ausfiel, hatten wir endlose Ferien. Kinder können, auch wenn die Situation sehr ernst und traurig ist, sorglos leben, wenn sie nur gut versorgt werden. Wenn wir der Mutter oder dem Opa nicht helfen brauchten, haben wir unbekümmert im Garten oder bei Nachbarn gespielt.

Für meine Mutter war diese Zeit sehr schwer. Sie erwartete im Juli ihr 6. Kind. Mein Vater war in Russland, von ihm kam immer seltener Post. Im März ist jede Verbindung abgebrochen. Die Leute mussten sich auf das Ende des Krieges vorbereiten. Vorschrift war, dass jeder, einschließlich der Kinder, einen mit notwendigen Utensilien gefüllten Rucksack oder Koffer bereithalten musste, um eventuell auf der Flucht überleben zu können. Meine Mutter bzw. meine Tante nähten vier Rucksäcke für die größeren und drei Taschen für die kleinen Kinder. Für die Erwachsenen wurden mehrere Koffer bereit gehalten.
Ende März kam das Ende des Krieges spürbar näher. Der Verkehr auf der Straße wurde lebhafter. Militärkolonnen fuhren oft vorbei. Manche Soldaten erbettelten oder beschlagnahmten Lebensmittel, Futter für die Pferde oder andere Gegenstände wie Pferdegeschirre oder Ackerwagen. Ab der Zeit haben wir die Pferdegeschirre im Hühnerstall versteckt. Auch wenn oft danach gesucht wurde, in den Hühnerstall hat sich keiner verirrt. In der letzten Märzwoche war die Lage völlig verworren. Militär war auf dem Rückzug von West nach Ost. Wenn Panzer vorbei rasselten, dann zitterte unser Haus so sehr, dass Bilder von der Wand fielen.
Vor Ostern wurden unser Hofgelände und einige Schuppen von deutschen Soldaten mit Pferden und Wagen besetzt. Es war eine Verpflegungskompanie. Vorräte waren noch vorhanden. Man ließ es sich noch einmal richtig gut gehen. Auch ein großes Isolierfass mit frischem Rindfleisch wurde mitgeführt. Das Fass wurde im Garten eingegraben. Man kochte sich einen großen Kessel Kartoffelsuppe von unseren Kartoffeln. Dazu nahmen sie sich noch eine Kanne Milch. Mein Opa bettelte und flehte, man möge doch, aus Rücksicht auf unsere Familie, den Hof verlassen. Aber er wurde nur ausgelacht. Die Soldaten hatten schöne Pferde, soweit man das sehen konnte. Aber Opa gab dem Drängen der Soldaten, die ihre Pferde mit den unserigen tauschen wollten, nicht nach. Er hatte die Erfahrung, dass die Pferde geraubt waren und dass man damit betrogen wurde. Er sagte: „Entweder sind die Pferde tragend oder sie taugen nicht für die Arbeit auf dem Acker“. Und dann kam das Osterfest. Unser Hof war, wie schon erwähnt, seit Karfreitag belagert. Oft kamen Angriffe von Flugzeugen auf vorbeiziehende Soldaten. Da unser Hof mit sechs Gespannen und ca. 15 Soldaten und dazu einigen Kraftfahrzeugen belegt war, hatten wir Angst, dass diese Ansammlung ein Ziel für die Angriffe sein könnte, zumal dort nur wenige Bäume Tarnung geben konnten. Aber der verantwortliche „Spieß“ war sorglos. Meine Mutter hatte gefleht und geweint, man möge den Hof verlassen und sich irgendwo im Wald verstecken. Aber der Anführer sagte, er wolle sich erst noch rasieren und waschen. Mutter musste ihm dafür Wasser kochen und ein kleines Zimmer, das im Stall war, räumen. Dann kam plötzlich der Angriff. Alle flohen in den Keller. Die Spitze des Wohnhausgiebels krachte herunter. Dann wurde wieder geschossen. Plötzlich kamen zwei Soldaten in den Keller gestürmt. Sie schleppten den angeschossenen „Spieß“ auf einer kleinen Leiter die Treppe hinunter. Wir Kinder wurden in eine Ecke gescheucht und der schwer Verwundete auf der Pritsche versorgt. Er hatte im Rücken eine tiefe Wunde und sein Stöhnen klingt mir heute noch im Ohr.
Innerhalb von 15 Minuten war der ganze Treck, einschließlich des Verwundeten, auf der Flucht. Ich glaube nicht, dass dieser Verwundete mit dem Leben davongekommen ist. Wie wir später festgestellt haben, hatte das Geschoss den Mann getroffen, nachdem es eine 24er-Mauer durchschlagen hatte. Die Geschosse hatten auf der Futterdiele liegendes Stroh und Heu entzündet. Mein Opa hatte das aber sofort bemerkt, weil er bei Alarm ja nie in den Keller ging. Er hat das Feuer noch löschen können.
Ab 17 Uhr hörte man dann die aus westlicher Richtung heranrollende Front. Die Alliierten, Engländer und Kanadier, rückten vor. Da die Lage an der Straße zu gefährlich wurde, sorgten Mutter und Opa für den Umzug der Kinder zu unserem Nachbarn. Wir wurden mit Rucksäcken und Proviant ausgerüstet. Bei den Nachbarn wurden wir schon erwartet. Alle Kinder kamen im Kartoffelkeller der Scheune unter.
Als es dunkel wurde, blieb vor unserem Haus an der Straße ein deutscher Militärlastwagen mit Anhänger wegen Motorschadens liegen. Die Fahrer haben das Gefährt an Ort und Stelle angezündet. Bei dem geringen Abstand zu unserem Wohnhaus und dem dahinter stehenden Stall waren alle Gebäude aufs höchste gefährdet. Meine Mutter und mein Opa haben daraufhin sämtliches Rindvieh und die beiden Pferde auf die angrenzende Weide getrieben. Dann wurde der Lastwagen mit Brunnenwasser gelöscht.
Gegen Mitternacht hat die einrückende englische Armee das Stallgebäude mit schweren Panzern beschossen, und es brannte völlig aus. Übrig blieben ein rauchender Haufen und kleine Teile der Außenmauern. Eine dicke Birke, die 50 Meter hinter dem Stall stand, war in ca. 1 Meter Höhe durch einen Treffer gefällt worden.
Diese Nacht habe ich nicht bewusst miterlebt, da ich im Kartoffelkeller gut geschlafen habe. Mutter berichtete uns die Geschehnisse der Nacht.
Mit Hilfe der Nachbarn wurde zunächst im Schuppen ein Notstall eingerichtet. Meine Geschwister und ich mussten den ganzen Tag Nägel und Schrauben sowie Beschläge und Anker aus der rauchenden Asche des abgebrannten Stalles aufstöbern. Auch alle Kuhketten suchten wir zusammen. Durch die lange Kriegszeit waren solche Sachen nicht mehr vorrätig oder gar zu kaufen. Viele Nachbarn halfen aus, so gut sie konnten. Spät am Abend kamen die Kühe widerwillig in den „neuen“ Stall und es konnte wieder gemolken werden. Die Tiere haben diese Tage gut überstanden. Im April war der Krieg für uns vorbei.
Tagelang musste aufgeräumt werden. Auf dem Dachboden des Stalles hatten noch sechs Fuder Heu gelagert, das wir eine Woche vorher von draußen aus einem Heuhaufen herein geholt hatten. Die Schrotmühle, die auch ausbrannte, konnte später von einem Fachmann wieder hergerichtet werden. Alle Steine wurden gesammelt und gesäubert.
Die durch die Kriegseinwirkungen Geschädigten bekamen von der Militärregierung mobile Gebäude, sogenannte „Baracken“, die von der deutschen Armee zurückgelassen wurden. Wir erhielten 1½ Baracken. Die halbe Baracke wurde an den Schuppen angebaut und diente als Stall für ein Pferd. Mein Vater war zu der Zeit noch nicht wieder aus der Gefangenschaft entlassen. Wir wussten nur, dass entlassene Kameraden ihn lebend gesehen hatten. Für meine Mutter war diese Zeit nicht leicht. Sie fuhr oft mit dem Fahrrad zur Stadt, um irgendwelche Sachen für den Stall, der wieder aufgebaut werden sollte, zu ergattern. Auch musste sie oft lange anstehen, um Lebensmittel und andere Haushaltsartikel zu erhalten. Oft fuhr sie auch zu der Entlassungsstelle, um nachzusehen, ob mein Vater unter den entlassenen Gefangenen war.
Ende Juni war es dann soweit. Vormittags fanden wir in der Hofeinfahrt eine Tasche mit einem Kochgeschirr und anderen persönlichen Dingen. Wir haben diesen Fund unserer Oma übergeben. Am Mittag kam dann meine Mutter mit meinem Vater nach Hause. Vater war wieder da. Mein Bruder und ich waren so beschäftigt, dass wir fast keine Zeit hatten, ihn zu begrüßen. Darüber war meine Mutter sehr traurig. Mein Bruder sagte: „Papa, ich sammle gleich Zigarettenkippen für dich, das tun hier alle Kinder“. Das wollte mein Vater aber nicht. Kippen mochte er nicht rauchen. Mein Vater war kränklich und mager geworden. Er hatte in englischer Gefangenschaft im Freien gehaust und gehungert. Er musste sich ein Erdloch mit vier Kameraden teilen. Dort gab es wochenlang nur Wassersuppe. Zusätzlich kochten sie sich aus Heckenblättern und Resten aus einer Rübenmiete eine Suppe. Mein Vater litt stark unter Durchfall. Unser Hausarzt riet ihm zu leichter und sparsamer Kost. Das war für einen ausgehungerten Heimkehrer sehr hart. Aber alle waren froh, dass Vater wieder da war. Drei Wochen später, am 18. Juli, bekam ich noch eine kleine Schwester.

Es begann die Zeit des Organisierens, alte Steine aus Abbruch, Wellblech auf „Bezugsschein“, Beschläge gegen Fleisch, Butter und Speck. Abfallbretter kamen aus dem Wald, wo englische Soldaten ein Sägewerk eingerichtet hatten. Hier diente ein gemästetes Kalb als Gegenleistung. Das Kalb mussten mein Vater und meine Mutter heimlich schlachten. Dachziegeln lieferte ein entfernter Nachbar gegen ein großes Schwein und Pferdefutter. Das Holz für den Bau des neuen Stalles haben zum größten Teil die Bauern in der Umgebung gespendet, indem sie komplette Bäume zur Verfügung stellten. Das Holz wurde meist nur mit der Axt und dem „Düssel“ behauen. Sägemühlen, die Bretter und Kanthölzer sägten, mussten mit Speck, Eiern und Kartoffeln bezahlt werden. Maurer- und Zimmerrerarbeiten wurden in Nachbarschaftshilfe durchgeführt, und nur so war es möglich, dass das Rindvieh, die Pferde und einige Schweine zu Weihnachten wieder einziehen konnten.
Langsam gewöhnte man sich an den ständigen Besuch von Leuten, die ihren Lebensunterhalt überwiegend durch Betteln bestreiten mussten. Von uns ist keiner abgewiesen worden. Alle erhielten wenigstens ein paar Kartoffeln. Auch Schwarzhändler gaben sich die Klinke in die Hand. Einige hamsterten bestimmt auch Lebensmittel, um sie wieder gegen Wertsachen zu tauschen. Diese Zeit war für Arme, Kranke, kinderreiche Familien und vor allem für die vielen Heimatvertriebenen besonders schwer. Erst gut drei Jahre später, mit Einführung der Währungsreform, wurde es langsam besser. Viele Lebensmittel und Gebrauchsartikel konnten wieder für gutes Geld (DM) erworben werden. Die „Speckwährung“ verlor nach und nach an Bedeutung.