Zukunft braucht Erinnerung

„Erinnern heißt, eines Geschehens so ehrlich
und rein zu gedenken, dass es zu einem Teil
des eigenen Innern wird“
Richard von Weizäcker
Dieses Heft ist im Rahmen der Nachforschungen für die Ausstellungsreihe „Zukunft braucht Erinnerung“ entstanden.

Wir danken allen Menschen, die uns ihre persönlichen Erinnerungen an die letzten Kriegstage in Brinkum in Wort und Bild überlassen haben. Es gab viele schreckliche Situationen, aber auch eine große Hilfe untereinander und am Ende die Hoffnung, wieder aufbauen zu dürfen.

Die Ausstellung „Die Kirche war ein Pulverfaß“ wurde erarbeitet von:
Marc Heinemeyer, Pastor der ev. Kirche Brinkum, Henry Marquardt – Medienwerkstatt Stuhr, Horst Rauschert – Zeitungsverleger, Harry Schröder, VHS Brinkum.


Zukunft
braucht
Erinnerung
01

 60 Jahre
Kriegsende im
Landkreis Diepholz

Veranstaltungsreihe in Kooperation
mit dem Arbeitskreis Heimatfor-
schung und Archivpflege des Kreis-
heimatbundes

2. April – 9. Mai 2005

Die Ausstellung „Die Stunde Null für Brinkum – der Tommy kam durch
den Garten“ wurde in Kooperation mit dem Mehrgenerationenhaus
Schaumlöffel, Brinkum und der VHS Geschichtswerkstatt Brinkum
erarbeitet.
Zusammenfassende Recherchen:
VHS Geschichtswerkstatt Brinkum mit:
Harry Schröder, Reinhhold Schwier
und Christa Schöningh
vhs

02
Panzersperren aus Bäumen wurden auch in Weyhe und Stuhr eingesetzt, verzögerten den Vormarsch jedoch kaum. Repro: Garvens

03
Der Vormarsch der Briten in Weyhe am 9. April 1945, der erst vor Leeste vorübegehend zum Stehen kam. Die Graphik erstellte Dr. Fritz Garvens aus Riede.

Ein SS-Ausbildungsbataillon, aus Holland kommend, bezog in Brinkum eine Verteidigungsstellung, später verstärkt durch eine Marinetruppe, die auch Geschütze mitbrachte.

Der Volkssturm, bestehend aus zwei Wachen zu je 30 Mann, hatte schon Panzersperren an den Ortseingängen errichtet. Die Marsch war geflutet worden, um die Panzer von Bremen fernzuhalten.

Insgesamt standen an der Frontlinie südlich Bremens 5000 deutsche Soldaten 37000 gut ausgerüsteten Engländern gegenüber. Bei deren Vormarsch setzten sie Sturmgeschütze, Panzer und vor allem Flammenwerfer ein.

Eine Vergeltungsmaßnahme war es dann, als der Feind, nachdem er bereits den Ort eingenommen hatte, durch Flammenwerfer ihm wichtig erscheinende Gebäude, aus denen er wohl Widerstand erhalten hatte, in Brand setzte.

Der Brand der Häuser im Zentrum des Ortes (Förster, Seegers und Dierkes), der durch Flammenwerfer entstanden war, griff auf die Apotheke über. Diese wäre noch zu retten gewesen, wenn nicht der vor dem Eingang des Schaumlöffel`schen Bunkers postierte englische Soldat die Insassen gehindert hätte, diesen zu verlassen, um den Brand zu löschen.

Ruinen: Seegers, Dierkes und Apotheke
Ruinen: Seegers, Dierkes und Apotheke
Ruinen: Seegers, Dierkes und Apotheke
Ruinen: Seegers, Dierkes und Apotheke

 

Bericht eines SS-Soldaten

Nun ging unser Einsatz richtig los. Zuerst mit einem Stoßtrupp bis Seckenhausen. Dort haben wir uns nachts an einer Kreuzung in einem Saatfeld eingegraben. Morgens sahen wir es dann. Unsere Maulwurfshügel waren meilenweit zu sehen. Etwa 200 bis 300 Meter entfernt stand eine Mühle,

 

06  

Nach der Einnahme durch die Briten eine Ruine:
die Mühle in Seckenhausen

von der das Gelände voll zu überblicken war.

Man hat uns mit Waffen zugesetzt. In Seckenhausen kam es zu einem Häuserkampf. Zuletzt setzten die Engländer Flammenwerfer ein und räucherten Haus für Haus aus.

Nach 3 bis 4 Tagen mussten wir zurückweichen.

Als MG-Schütze hatte ich die Aufgabe, den Rückzug der übrigen Truppen zu decken. Als wir dann folgen wollten, kamen wir unter starken Beschuß.

Meinem Nebenmann haben sie die Beine weggeschossen. Ich selber bekam einen Granatsplitter durch die Beine. Mit einem kleinen Handwagen hat uns ein alter Wehrmachtsgefreiter rausgeholt. Ich lag unten, der andere auf mir. Da merkte ich dann: „Der sagt nichts mehr.“ Der Landser sagte: „Der ist hin.“

Er hat ihn abgeladen und ist mit mir weitergezogen in Richtung Brinkum zum Verbandsplatz. Aber bevor wir da waren, kam ein wieder ein Angriff. Ich glaube, es war ein Luftangriff.

Er brachte mich in den Keller eines Siedlungshauses. Mein Helfer war mit den Worten: „Junge, ich seh mal nach, was los ist“ nach oben gegangen. Er kam nicht wieder.

Nach 3 bis 4 Stunden kam eine Wehrmachtsstreife und fragte: „Was machst Du denn hier?“ Ich erzählte von meinem Helfer. Da sagten sie: „Der liegt vorne, den haben sie erwischt.“

Die Streife hat mich nach Brinkum zum Verbandsplatz gebracht. (bei Wittrock und Mysegades in der Nordstraße)

Die Panzersperren auf den Staßen wurden einfach umfahren und der Weg durch die Gärten genommen.

07
Die Luftaufnahme zeigt deutlich die Panzerspuren.

Insassen des Schaumlöffel’schen Bunkers.

Wir saßen zusammen mit ca. 20 bis 25 Nachbarn im Bunker hinter der Bäckerei Schaumlöffel, der uns bis zur Einnahme Brinkums durch die Engländer am 16.04.1945 Schutz bot.

Besonders dramatisch waren die letzten 2 Tage. Ein Verlassen war nur unter Lebensgefahr möglich.

Bei zunehmendem Artillerie- und Panzerbeschuss prasselten die Granaten auf die 100cm dicken Betonwände.

Gegen 17:00 Uhr verstummte das Geschützfeuer ein wenig und man hörte draußen Schritte.

Plötzlich wurde die Tür aufgerissen und ein Engländer forderte uns mit der Maschinenpistole im Anschlag auf, den Bunker zu verlassen.

Auf dem Hof mussten wir uns in eine Reihe aufstellen. In den Fenstern des Hauses saßen überall englische Schützen, um den Vorgang zu sichern. Durch die Gärten waren Panzer Richting Wilkens, Hermannstraße vorgestoßen. Im Westen sah man das Feuer eines Flammenwerfers aufleuchten. Wahrscheinlich wurde das Haus von Heinz Coors abgefackelt

In der Pforte zum Garten der Apotheke lag ein erschossener Marinesoldat. Wir wurden aufgefordert, ihn an Ort und Stelle zu begraben. Sein Name (Günter Rupp) wurde mit Kreide an die Mauer geschrieben. Später wurde er umgebettet und auf dem Gedenkfriedhof bestattet.

Als wir Brinkum verlassen mußten, war unsere Großmutter nicht aufzufinden. Sie hatte sich, wie wir später erfuhren, mit einer Handtasche auf den Weg gemacht und war bei Geffken von einem Fuhrwerk mit nach Syke genommen worden. An der Fassade des Schaumlöffel’schen Hauses erkennt man die Spuren der Panzergranaten. Ähnlich sah der Bunker hinter dem Haus aus. Inzwischen sind die Einschlagslöcher dichtgeschmiert worden.

 

Familie Schaumlöffel und Mitarbeiter vor der Bäckerei
Familie Schaumlöffel und Mitarbeiter vor der Bäckerei

09
Auf dem Friedhof in Brinkum liegen die Jungen und Männer, die für ein verbrecherisches Regime in den letzten Kriegstagen ihr Leben ließen. Sie waren zunächst am Ort ihres Sterbens begraben worden. Später wurden sie umgebettet. Fotos (3): Uwe Gallmeier

 

10 Gedenkstein des hinter der Apotheke gefallenen Marinesoldaten Günter Rupp

Als wir uns mit vollgepackten Fahrrädern auf den Weg machten, wurden bei Brüne-Meyer einigen von uns die Uhren abgenommen.
Wir sollten in Barrien in Baracken untergebracht werden, zogen es aber vor, zu Verwandten nach Sudweyhe zu gehen.

 

Bunker Schaumlöffel
Bunker Schaumlöffel
Ruine Schumacher
Ruine Schumacher

 

Heinekes Hofplatz
Heinekes Hofplatz

Horst Rauschert und Harry Schröder

Es war nur unter Lebensgefahr möglich, das Vieh während des Beschusses auf Heinekes Hof zu versorgen. Danach wurde es z. T. losgebunden und freigelassen. Auch die Bullen liefen frei herum.

Als die Engländer später Heinikes Bullen Hans erschiessen wollten, nahm meine Mutter ihn an die Stange mit dem Karabinerhaken und führte ihn in den Stall.

Überall lag totes Vieh herum, welches in der warmen Frühlingssonne aufgedunsen war. Jetzt wurde es an Ort und Stelle mit Mistharken in große Kuhlen gerissen. Der Gestank, der dabei den aufgedunsenen Kadavern entwich, war fast unerträglich.

Eine solche Kuhle war hinter Drückers Haus und eine bei Heineken auf dem Hof.

Rudolf Kühntopp:

Ich war als Volkssturmmann bei Förster in der Kommandozentrale auf dem Dach eingesetzt. Als es zum Einsatz nach Ochtmanien ging, mußte ich in SS-Uniform ausrücken. Darunter hatte ich vorsorglich Zivilkleidung angezogen, die meine Mutter mir mitgab. Diese kam mir gut zustatten, als ich nach dem verhinderten Einsatz nach Hause floh. Dort saßen wir bei Heinrich Coors, wo wir wohnten, im Bunker und mußten miterleben, wie sein Haus mit Flammenwerfern abgefackelt wurde.

Man hatte dort SS-Uniformen gefunden.

 

Ruine: Försters Hotel
Ruine: Försters Hotel

 

Heinrich Bode:

Nach dem Volkssturmeinsatz in Ochtmanien gelang es mir, noch vor den Engländern nach Hause zu kommen.

Dort erlebte ich im Keller, wie unser Haus abbrannte.

Als Budelmanns Haus gegenüber abbrannte, hörte man das verbrennende Vieh brüllen. Unsere Kühe konnten wir noch losbinden und raustreiben. Nicht alle haben wir später wieder einfangen können. Am Bahndamm hinterm Haus lagen überall gefallene Soldaten.

 

Ruinen Försters Hotel und Gasthaus Zipf
Ruinen Försters Hotel und Gasthaus Zipf

 

H. C. Ocker

Wir waren als Volkssturmsoldaten in Ochtmanien eingesetzt. Mit 5 Schuß Munition, ausländischen Gewehren und alten Panzerfäusten schlecht ausgerüstet, konnten wir dem Tommy keinen nennenswerten Widerstand leisten.

Ich lag in einem Rapsfeld und ließ die Panzer einfach vorbeifahren. Dann machte ich mich auf den Weg nach Syke. Als bei der HJ.-Geschäftsstelle dort niemand mehr da war, fuhr ich per Anhalter mit Flaksoldaten zurück nach Brinkum.

Von dort fuhr ich mit meinem Vater zu meinen Großeltern nach Seckenhausen. Meine Mutter war als Leiterin des Roten Kreuzes während der Kämpfe ständig im Einsatz. Hinterher, als Brinkum geräumt werden mußte, organisierte sie den Transport der alten und kranken Menschen mit Pferdegespannen.

Die Engländer waren hungrig auf Hühnereier. L. K. und ich fanden ein Nest mit über 20 Eiern, die wir den Engländern verkauften. Als sich herausstellte, dass die Eier angebrütet waren, mußten wir uns verstecken.

Horst Rauschert:

Am 18. 04. 45 verkündete ein Lautsprecherwagen:
„Brinkum muß innerhalb von 2 Stunden verlassen werden“. Es wurde zur Plünderung durch Fremdarbeiter freigegeben. Mit unserer kranken Großmutter zogen wir im Handwagen, auf dem wir ihr Bett gebunden hatten, los.

Bei Gefken standen Pferdegespanne, worauf alte und kranke Menschen nach Syke befördert werden sollten. Das Rote Kreuz organisierte das Verladen und den Transport.

Unsere Großmutter ist dann in Syke gestorben.

 

Gefkens Gasthaus
Gefkens Gasthaus

 

Johann Schröder:

Ich wohnte mit meinen Eltern in Hüchtings Melkerhaus an der Bremer Straße nahe dem Schulhof. Dort waren Tische und Bänke aufgestellt, wo die Soldaten, die in der Schule einquartiert waren, bei dem warmen Frühlingswetter saßen. Dort schlug eine Granate ein und tötete 5 Mann. Viele wurden verwundet. Im Bunker von Ellinghausen (Ecke Bremer-Bahnhofstraße) erlebten wir die letzten Kampftage. Ringsum brannten die Häuser von Meyers, Ellinghausen, Kirchhoff und Drücker ab.

Die Tiefflieger (aus Richtung Stuhr kommend) schossen auf alles, was sich auf der Bahnhofstraße bewegte.

Vor dem Hause war eine MG-Stellung der SS. Als alles vorbei war, mussten wir die gefallenen Soldaten, die dort und auch bei Kirchhoffs und Drückers lagen, an Ort und Stelle begraben.

 

Ruinen an der Ecke Bahnhof-/Bremer Straße
Ruinen an der Ecke Bahnhof-/Bremer Straße

 

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Zerstörte Häuser von Lohmann bis Essig-Lohmann
Zerstörte Häuser von Lohmann bis Essig-Lohmann
Zerstörte Häuser von Lohmann bis Essig-Lohman
Zerstörte Häuser von Lohmann bis Essig-Lohman

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Sonntag, 15. April 1945:

„Neun Stunden lang rasten die Geschosse in unser Dorf, wohl ununterbrochen von 11.00 Uhr bis 20.00 Uhr. Ich meinte, es würde höchstens zwei Stunden dauern, dann vier Stunden. Wie konnte ein so kleines Dorf so viel Vorbereitung erfordern!…

Gegen 9 Uhr, als das Trommelfeuer aufhörte, sprang plötzlich wieder ein großer Brand auf und wurde das benachbarte Haus durch Tieffliegerbeschuß in Brand gesetzt, und das Feuer griff dann auf den Ostteil der Kirche über, fraß sich durch das Gebälk bis zum Turm, und dann stand die ganze Kirche in Flammen.

Munition, die die SS darin gelagert hatte, besorgte durch dienstagExplosion gründliche Zerstörung. Das Holz der vielen Kirchen- bänke knatterte in die Luft. Weithin leuchtete der brennende Turm, und alle, denen die Kirche vertraut war, ergriff ein neuer Jammer.

Sie konnten vor allen Dingen nicht fassen, dass auch die vielen, hellscheinenden Kreuze für unsere Gefallenen, die in so manchem Trauergottesdienst dort befestigt worden waren, ausgelöscht werden sollten.

(aus: „Die letzten Kriegsereignisse in Brinkum, April 1945,
Manuskript eines unbekannten Mitgliedes der
ev.-luth. Kirchengemeinde Brinkum, verfasst 1945)

 

Ein Kreuz, wie sie für die Gefallenen in der Kirche hingen
Ein Kreuz, wie sie für die Gefallenen in der Kirche hingen

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Haus Hiller und Kirche vor der Zerstörung
Haus Hiller und Kirche vor der Zerstörung

 

Küsterhaus vor der Zerstörung
Küsterhaus vor der Zerstörung

 

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Pastorenhaus und Kirchenruine
Pastorenhaus und Kirchenruine

 

Zerstörte Brinkumer Kirche
Zerstörte Brinkumer Kirche

Zerstörte Brinkumer Kirche

Zerstörte Brinkumer Kirche

 

Ada Kuhlmann

Wir saßen mit den Bewohnern des Hauses und mit dem Nachbarn M. im Bunker auf dem Hof, als das ganze Anwesen durch Tieffliegerbeschuß in Brand geschossen wurde und zusammen mit der Kirche abbrannte.

 

Haus Mahlstedt
Haus Mahlstedt

 

Ruine Bod`n Meyer und Wolters Bauerndiele
Ruine Bod`n Meyer und Wolters Bauerndiele

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Jorich Mahlstedt:

Kirchhoffs altes Haus war durch eine Holzkonstruktion mit dem neuen verbunden. Das alte Haus brannte und es bestand die Gefahr, dass das Feuer übergriff.

Ich sprengte darum mit Handgranaten die Holzverbindung weg. Somit wurde das neue Haus verschont.

 

Kirchhoffs altes Haus
Kirchhoffs altes Haus

36Um Mitternacht vom 24. auf den 25. April 1945 setzten 47 britische Schwimmpanzer über die etwa 60 Zentimeter tiefe Überschwemmungszone der Marsch bis zur Ochtum. Die noch unversehrte, schon zur Sprengung vorbereitete Ochtumbrücke wurde im Handstreich genommen.

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Die überschwemmte Marsch
Die überschwemmte Marsch

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