Regionale Rundschau vom 12.04.2005

Erinnern im Bunker

Ausstellungen über die letzten Kriegstage und den Kirchenbrand in Brinkum
Von unserem Redakteur
Michael Rabba

STUHR-BRINKUM. Anfang 1945 wurde Harry Schröder als 17-Jähriger zur Wehrmacht eingezogen. Zuvor hat er bei so manchem Alarm in dem Bunker gesessen, den die Bäckereifamilie Schaumlöffel 1943 hinter ihrem Haus an der Bremer Straße errichten ließ. 60 Jahre später steigt Harry Schröder dieser Tage wieder öfter in den Schaumlöffelbunker hinab. Der Hobbyhistoriker der VHS-Geschichtswerkstatt bereitet eine Ausstellung über die Befreiung Brinkums durch die Engländer im April 1945 vor.

Zusammen mit seiner Mutter und seinem Bruder wohnte Schröder zwei Häuser neben der Bäckerei Schaumlöffel. Deren einstiges Geschäftsgebäude, das jetzt Domizil des Mehrgenerationenhauses ist, heißt im Volksmund bis heute Schaumlöffelhaus.

Den Bunkerbau hat Schröder unmittelbar miterlebt. Jetzt wieder in den vier mal zwei Meter großen unterirdischen Schutzraum zu gehen sei ein komisches Gefühl, sagt der heute 77-Jährige: „Man muss sich überwinden, da kommt einiges wieder hoch.“ Doch „Zukunft braucht Erinnerung“, weiß Schröder – und welcher Ort würde sich für eine Ausstellung über die Kämpfe in Brinkum besser eignen als jener, in dem viele Menschen seinerzeit Zuflucht gesucht hatten?

Zukunft braucht Erinnerung – so lautet das Motto einer Veranstaltungsreihe der Kreisvolkshochschule anlässlich des 60. Jahrestages des Kriegsendes. Darin eingebettet ist nicht nur die Bunker-Ausstellung „Die Stunde Null für Brinkum – der Tommy kam durch den Garten“, die am Freitag, 15. April, elf Uhr, eröffnet und bis Sonntag, 17. April, täglich bis 17 Uhr gezeigt wird.

Im Haus Lohmann, nicht weit vom Schaumlöffelhaus an der Bremer Straße 29, werden zudem unter dem Titel „Die Kirche war ein Pulverfass“ am Donnerstag, 14. April, ab 15 Uhr, Fotos, Texte und ein Film über die Zerstörung des evangelischen Gotteshauses bei den Kämpfen um den Ortsteil gezeigt. Diese zweite Ausstellung haben Harry Schröder und die Geschichtswerkstatt zusammen mit dem Brinkumer Pastor Marc Heinemeyer, Henry Marquardt von der Medienwerkstatt sowie dem Verleger Horst Rauschert erarbeitet. Für 18 Uhr lädt die Kirchengemeinde am Donnerstag im Anschluss zu einem Gedenkgottesdienst ein.

Zeitzeugen berichten „ein bisschen widersprüchlich“ über die Zerstörung der evangelischen Kirche, weiß Schröder. Als Eröffnungstag für die Ausstellung im Haus Lohmann hätte auch der 15. April gewählt werden können. Auch die genauen Umstände verwischen sich. Doch ob es nun Tieffliegerbeschuss war, der erst das benachbarte Haus und in Folge die Kirche in Brand setzte oder Artilleriegranaten direkt die Kirche trafen – in dem Gebäude gelagerte Munitionsvorräte der SS explodierten jedenfalls und verwandelten die Kirche in eine Ruine.

In der Ausstellung „Die Stunde Null“ geben ebenfalls Zeitzeugenberichte einen Eindruck von den Kämpfen bis zur Einnahme Brinkums durch die englischen Truppen am 16. April vor 60 Jahren: „Wir saßen zusammen mit 20 bis 25 Nachbarn im Bunker hinter der Bäckerei Schaumlöffel“, wird darin unter anderem geschildert. „Bei zunehmendem Artillerie- und Panzerbeschuss prasselten die Granaten auf die 160 Zentimeter dicken Betonwände.“

Insgesamt wurden bei den Kämpfen 60 Brinkumer Gebäude, darunter 44 Wohnhäuser, völlig zerstört und weitere 100 schwer beschädigt, ist dem Ausstellungskatalog zu entnehmen. Über 60 deutsche Soldaten starben, 200 gerieten in Gefangenschaft – darunter auch Harry Schröder, der an der Oder eingesetzt und am 10. Mai 1945 zurück nach Brinkum gekommen war.

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