Brinkumer Dorfgeschichten

Lustige Geschichten aus alter Zeit

von Hans Peters

Meinem lieben Schwager

K a r l  R e i p s c h l ä g e r

zur Erinnerung an seinen

60. Geburtstag

 


Inhalt

Schlittenfahrt
Zu spät
Guten Appetit
Der Pferdehandel
Das menschliche Gefühl
Schaf-Hinnerk
Hexenschuss
Brinkumer Markt
Wie kann es angehen?
B.B.B.
Der kleine Geerd
Der Äquator
Postamt und Leinenlege
Mit Kranz und Schleier


Schlittenfahrt

Da lebte mal vor Jahren in unserem Dorf ein alter Handelsmann, der auf den schönen Namen Moses hörte. Moses konnte nicht so recht das „s“ aussprechen und sagte dazu „sch“, so als einen der Ganter beissen will, und darum nannte ihn auch jeder mit seiner eigenen Mundart „Moosch“. Der alte Moosch handelte mit Kühen, Ziegenlämmern, Fellen und was es sonst noch gab und was es nicht gab.
Er hatte große Angst vorm Wasser und vorm Erkälten und trug im Winter und Sommer immer drei bis fünf Westen übereinander, die dann auch recht schön zusammenbackten.
Nun war der alte Moosch einmal wintertags auf dem Scharmbecker Markt gewesen. Das ganze Blockland von Scharmbeck bis Bremen war eine Eisbahn. Der alte Moosch dachte, wenn du dich über das Eis schlittern läßt, ist das ein gewaltiger Richtweg und auch wohl noch billiger, als mit der alten Eisenbahn. Gedacht, getan. Der alte Mosch suchte sich einen Jan vom Moor, der ihn rüberschlittern sollte, und die beiden wurden auch handelseinig.
Jan holte seinen Stuhlschlitten her, schnallte seine Schlittschuhe unter, verpackte den alten Moses, und heidi ging die Reise übers Eis.
Zuerst ging das wunderschön mit den beiden. Der alte Moosch lachte sich eins, dass er so fix und billig nach Bremen kam. Aber mitten auf dem Eis, als man knapp noch ein Ufer sehen konnte, kriegte der alte Stuhlschlitten einen gewaltigen Schubs, dass er mit dem alten Moosch weit vorausflog. Nach kurzer Zeit kam Jan nachgelaufen und schob wieder den Schlitten, bis er wieder mal einen Schubs kriegte. So ging das drei- bis viermal. Da wurde es dem alten Moosch zu dumm. „Sag mal“, sagte er zum Jan vom Moor, „warum mascht du das?“ „Tscha“, antwortete Jan, „das Eis ist hier nicht so ganz glaubhaft und da wollt ich mal probieren, ob es den Schlitten noch trägt, darum hab ich ihn voraussausen lassen. Drin sitzen wollt ich nicht für die zwei Groschen.“ Als Moses das hörte, wurde er ganz weiß um die Nase und war heilfroh, als er wieder Sand und Land unter den Füßen hatte. Auf’s Eis ist er aber nicht wieder gegangen.


Zu spät

Wir kennen ihn noch von der Schlittenfahrt her, den alten Moses oder Moosch, wie er nach seiner eigenen aussprache hieß.
Moosch trank gern einen Kleinen, lieber noch einen Großen, wenn er nichts kostete. In der Brinkumer Apotheke gab das wohl mal einen umsonst, wenn der kleine Apotheker gerade gut gelaunt war. Moosch wusste das und hatte denn auch die Bestellung angenommen, von der Apotheke Schweinesalbe abzuholen. „Nehmen sie Platz Herr Moses“, sagte der Apotheker, “ ich muss die Salbe erst fertig machen. Trinken sie ein Schnäpschen?“ „Ich bin so frei, Herr Apotheker“, sagte Mosch und seine Augen blinkten, als der Apotheker nach einem großen Glas langt, so ein Glas, wo eine Blocklander Ente drauf schwimmen konnte und den Schnaps aus zwei, drei Flaschen zusammengoss. Moosch wuppte ihn weg. So’n Apotheker-Schnaps ist doch wirklich etwas Gutes, der hat es in sich wie die Ziegen. „Möchten sie noch einen“, fragte der Apotheker und Moosch antwortete wieder: „ich bin so frei“ und setzte den zweiten übern Deich.
Nun fing der Apotheker bei den Salben an zu rühren, und bei Moosch rührte sich das auch. Er wurde ganz unruhig, scheuerte auf seinem Stuhl hin und her und stand auf. „Einen Augenblick noch, behalten sie doch Platz“, meinte der listige Apotheker. Aber Moosch hatte keine Zeit mehr. Er stürzte aus der Tür heraus und klapperte die Straße lang. Vor seinem Haus schrie er schon: „die Türe auf, die Türe auf!“ Doch als er mit der Hose in der Hand vor der kleinen Tür stand, die sein Karl schon aufgemacht hatte, meinte er ganz benommen: „ßu schpät“.
Wer die Schweinesalbe abgeholt hat, weiß ich nicht.


Guten Appetit

Als mein Freund Hermann noch in Bremen in Konditschon war, brachte er mal gegen Abend in der Schummerei seine Stiefel zum Schuster Meyer am Buntentor. Der Schuster saß halb im Dunklen in seinem Kellerloch hinter einem großen Stück Schinken und vesperte. „Meister“, sagte Hermann, „warum stecken sie denn kein Licht an? Sie können ja nichts mehr sehen.“ „Das will ich auch nicht“, antwortete der Schuster. „Sieh, in dem Schinken sind die Maden, und wenn ich die sehe, dann schmeckt mir das nicht.“


Der Pferdehandel

Krischan, seine Gesine und sein Fuchs waren schon bei Jahren und von der vielen Arbeit steif und stümperig geworden. Aber das Land wurde noch bestellt und zweimal in der Woche fuhr Krischan mit Gemüse nach Bremen. Das ging man etwas langsam mit den beiden, mit Krischan und seinem Zossen, und wenn sie morgens um sechs Uhr auf dem Markt sein wollten, mussten sie schon um halb fünf von zu Hause wegfahren.
Eines Tages kam mal der Pferdehändler zu Krischan und meinte, „Krischan, du musst dich mal verändern, dein Pferd wird schon zu alt. Ich weiß dir einen, einen sechsjährigen, gut und willig, sicher im Geschirr und flott auf den Beinen. Wenn du mit dem um halb fünf von zu Hause wegfährst, bist du schon um fünf auf dem Markt. Überleg dir das mit Gesine. Ich komme morgen wieder.“
Am anderen Tag war der Pferdehändler wieder da. „Na Krischan, wie ist es, hast du mit eurer Mutter gesprochen?“
„Ja“, sagt Krischan, „das Pferd können wir nicht gebrauchen, unsere Mutter meint auch, was willst du schon um fünf in Bremen?“


Das menschliche Gefühl

Weit ab vom Dorf, da hinter dem großen Eichenbusch, wo das Moor anfängt, lag das Wesewerk von Jan Kück. Das war noch ein Haus mit Ständerwerk und Strohdach, wie das so schön in unsere Heimat passt. Aber alles war auf Schuss. Haus und Stall, Felder und Wiesen, denn Jan war ein behender tüchtiger Bauer, der seinen Kram zusammen hielt. Jan hatte nur einen Fehler, dass er nicht verheiratet war. Jan dachte auch, einer Haushälterin kann man kündigen, einer Frau nicht, die klebt an einem, wie dem alten Moses seine Weste.
Nun war ins Dorf ein neuer Pastor gekommen, der in der Gemeinde überall seine Besuche machte. Auch Jan kam an die Reihe.
Die dralle Haushälterin musste Kaffee kochen und Jan zeigte in der Zeit dem Herrn Pastor mal erst die Schweine, die Kühe, das Kalb, die Kammer, wo die Magd schlief, und die Donzen mit seiner eigenen Butzen.
Als die Besichtigung vorbei war und die beiden am Kaffeetisch saßen, sagte der Pastor zu Jan, „das ist ja alles sehr schön, mein lieber Herr Kück, nur die beiden Butzen gefallen mir nicht. Es ist doch nur eine dünne Bretterwand dazwischen.“ „Ach Herr Pastor“, antwortete Jan, „das ist nicht so schlimm. In solch einer Butzen schläft sich das ganz kommod.“ „So meine ich das nicht“, sagte der Pastor zu Jan, „ich meine -hm, hm-, ich denke an das menschliche Gefühl, wenn ihre junge Haushälterin nebenan im Bette liegt.“ „Och Herr Pastor“, meinte Jan, „mit dem menschlichen Gefühl hilft sich das. In der Bretterwand zwischen den beiden Butzen ist eine Klappe, die können wir rausnehmen.“


Schaf-Hinnerk

Getauft ist er und konfirmiert auch. Aber wie er mit seinem echten Familiennamen hieß, wußte sonst niemand als der Bauernmeister und der Pastor.
Wir kannten und nannten ihn nicht anders, als Schaf-Hinnerk, weil er in seinen Jungsjahren in der Leester Heide Schafe gehütet hatte.
Dann war Hinnerk Kalfaktor geworden in einer von den Brinkumer Zigarrenfabriken, die in den sechziger Jahren noch stark im Geschäft waren.
Die Zigarrenmacher waren ein lustiges Volk, die mit Hinnerk, der ein bißchen dösig war, ihren Spaß hatten.
Bei den Zigarrenmachern gefiel ihm das auch nicht, darum machte er sich selbständig. Er handelte mit Knochen und Plünnen.
Vom Lesen, Schreiben und Rechnen hielt Hinnerk nicht viel. Tat auch nicht nötig. Das Plünnengeschäft war zu der damaligen Zeit ganz neumodisch aufgezogen und ging im Tauschwege gegen Zwirn, Nadeln, Haken und Ösen.
Die Gemeinde hatte ihm freie Logis im Brinkumer Armenhaus gegeben, welches nun zu Seckenhausen gehört und mit Hektor und Leo brachte Hinnerk seine Produkte nach Bremen. Mit der Zeit war der alte Hundewagen schon etwas klapperig geworden und Hinnerk mußte sich um Ersatz kümmern.
Nun wohnten damals der Schmied C. und der Stellmacher E. in Brinkum, die beide eine gute Arbeit machten.
Hinnerk ging zuerst zum Schmied, denn der Stellmacher war etwas genau. „Albert, bester Albert, ich muss einen neuen Wagen haben, mit dem alten geht das nicht mehr.“ Albert kratzte sich hinter der Mütze, doch Hinnerk meinte, dass der Stellmacher das Holzgeschirr machen wolle, „und jeden Sonnabend bezahl ich einen Taler ab.“ Albert dachte, schlimm kann es nicht werden, wenn der Stellmacher das Holz liefert und sagte zu. Dasselbe machte Hinnerk mit dem Stellmacher ab, der auch dachte, schlimm kann es nicht werden, wenn der Schmied das Eisen liefert.
Einen neumodischen Kaufvertrag mit „Eigentumsrecht vorbehalten“ gab es damals noch nicht, hätte auch bei Hinnerk wenig genützt.
Kurz und gut, der Wagen wurde fertig und Hinnerk erschien zur Abnahme. „Albert, bester Albert, was für ein feiner Wagen, gerade so hab ich ihn mir gedacht. Nächsten Sonnabend bring ich einen Taler.“
Hektor und Leo wurden vorgespannt, und stolz ging die Reise los. Der Sonnabend kam, aber kein Hinnerk und kein Taler. Den anderen Sonnabend kam Hinnerk mit dem alten klapprigen Wagen angefahren, als der Schmied ihn sah, stürzte er aus der Schmiede heraus. „Halt Hinnerk, wo hast du den neuen Wagen?“ „Albert, bester Albert, der war mir doch zu schwer, den hab ich wieder verkauft.“
Das Geld soll er versoffen haben; denn Hektor und Leo hatten ihren Herrn manches liebe Mal nach Hause fahren müssen, wenn er von den Beinen war.

Aber einmal war Hinnerk der Dumme. Das war beim Brunnensaubermachen, als Hinnerk noch Kalfaktor oder „Düvel“, wie die Zigarrenmacher diesen wichtigen Posten bezeichneten, in einer der Brinkumer Zigarrenfabriken war.
So einen Brunnen rein machen, war eine Düvelsarbeit. Wenn das Wasser mit der „Sootwuppen“ nicht mehr zu fassen war, musste ein Mann auf einer Leiter runterklettern und den Eimer volllöffeln. Zwei Mann zogen an einem Tau immer das Wasser hoch und gossen es aus.
Das musste nur schnell gehen mit der Arbeit, damit nicht mehr Wasser zulief, als raus kam. Den schlechtesten Posten hatte der Mann, der unten im Brunnen auf der Leiter stand. War der Eimer zu voll, oder die beiden Freunde da oben nicht vorsichtig, dann goss das Wasser ihm über den Leib. Diesen Posten hatte natürlich Hinnerk bekommen. Mit viel Schimpfen und Planschen und einem halben Buddel Schluck hatte Hinnerk zuletzt das Wasser so weit rausgekriegt als das ging.
Nun musste er aber von seiner Leiter runter und mit den Holzschuhstiefeln in den Brunnenpamp hinein, um den Dreck rauszulöffeln. Das geht, nur man darf nicht auf der Stelle stehen bleiben, sonst schlemmt man fest. Das hatte Hinnerk nicht bedacht, und es dauerte nicht lange, da saß er fest und konnte seine Beine nicht rücken noch rühren.
„Hilfe, Hilfe“ schrie Hinnerk. Schnell kletterte einer der Kumpels nach unten, zog Hinnerk ein Tau unter den Armen durch und nun ging das Reissen los. Hinnerk schrie aus vollem Halse „ihr reisst mich auseinander, Hilfe, Hilfe!“ Das half nichts, da musste ein Mann runter und Hinnerk losgraben.
Oben hat er sich dann bei einer anderen halben Flasche Schnaps wieder erholt.

Einmal saß Hinnerk in seiner Stube im Armenhaus zu grübeln, wie er wohl an Geld und an einen Buddel Schluck käme. Da fiel sein Auge auf den Ofen. „Deukerweg“, sagte Hinnerk, „was tue ich im Juli bei so einer glühenden Hitze mit ’nem Ofen?“ Er brach den Ofen ab und verkaufte ihn.
Als nun der Bauernmeister ins Armenhaus kam, sah er die Bescherung. „Was ist das! Hinnerk, wo ist der Ofen?“ „Den Ofen“, sagte Hinnerk, „den hab‘ ich verkauft.“ Nun fing der Bauernmeister an zu schimpfen. „Mach mir nicht den Kopf warm“, rief Hinnerk, „sonst verkauf ich noch das ganze Armenhaus.“

Wie wir schon gemerkt haben, war Hinnerk ein schlimmer Monarch und es war daher kein Wunder, wenn er mal ab und an ein paar Tage im Syker Loch absitzen musste. Einmal wollte Hinnerk morgens sein Kabuff nicht rein machen. Er wär zu schwach und könne den Eimer mit der Toilettensoße nicht tragen, sagte er zu dem Aufseher. Der ließ sich aber von Hinnerk mit seiner Faulheit nichts vormachen und wurde grob. Hinnerk schleppte den Eimer bis zur Treppe, wo er ihn fallen ließ, sodass die ganze Beserung die Treppe runterlief.
Nun musste bei dem Gepolter just der Amtsrichter Bauer kommen, sonst ein gemütlicher alter Herr, aber dieser Schweinkram und Gestank war ihm doch zu viel.
Hinnerk machte ein ganz unglückliches, wehleidiges Gesicht und sagte, dass er unschuldig daran wäre. Er hätte dem Aufseher doch gesagt, dass er zu schwach sei und den Eimer nicht die Treppe runtertragen könne. Aber der Aufseher hätte das ja nicht glauben wollen und hätte ihn angeschnauzt. Der Aufseher hat böse einen abgesackt bekommen, und das mit Unrecht.

Mit Schaf-Hinnerk und seinen Streichen riss das gar nicht ab, aber ich will damit Schluss machen mkit diesem Stück, was ich noch erzählen muss.
Eines Tages kommt Hinnerk in Cord’s Gästestube, die gerade leer war, langt sich fix einen Buddel mit Epi und gluck-gluck ging das, als Cord in die Tür reinkommt. „Du Halunke, du Spitzbube, ich will dir helfen“, riss Hinnerk rückwärts auf die Diele rauf und steckt ihn in den Keller, wo er ihn ganz gehörig ablederte.
Hinnerk schrie wie ein Schwein, was geschlachtet werden soll, fiel um wie ein Mehlsack und rührte sich nicht mehr, nur dass er die Augen noch im Kopf verdrehte. Cord bekam es mit der Angst zu tun. Er holte Wasser und das Mädchen sollte schnell zum Doktor laufen, als Essig’s Vater darauf zukam. „Cord, das kann dir eine teure Suppe werden, die du dir da eingebrockt hast“, meinte der Nachbar. „Dumme Geschichte, was mache ich bloß mit dem Burschen?“ „Ich glaube Cord, du musst ihm mal was zeigen.“ Cord hielt Hinnerk einen Taler vor die Nase. Hinnerk rührte sich nicht. „Mehr Cord, mehr.“ Cord nahm zwei Taler. Half nicht. Beim Zehnmark-Stück blinzelte Hinnerk ein bißchen und stöhnte. „Mehr Cord, mehr!“ Und da beim Zwanzigmark-Stück griff Hinnerk schnell zu, krabbelte sich hoch und hatte es ganz eilig, dass er weghumpelte. So ein Halunke!


Hexenschuss

Kommt da eines Tages Snuf-Jan aus dem Moor, krummbucklig wie ein Flitzebogen und steif wie ein Karussellpferd bei unserem Sanitätsrat angekrochen. „Herr Sanitätsrat, mir ist das so in den Buckel geschossen, dass ich mich nicht rühren und wenden kann.“ „Ich sehe schon, mein Lieber, Hexenschuss“, antwortete der Sanitätsrat, „dagegen hilft am besten Wärme, nur Wärme. Wenn ich mal einen Hexenschuss bekomme, krieche ich zu meiner Frau ins Bett, das hilft immer.“
Jan leckte sich das Maul und sagte, „Herr Sanitätsrat, wann passt es ihrer Frau denn mal?“


Brinkumer Markt

In dem Hannoverschen Kalender standen noch immer unter Brinkum die beiden Märkte im Mai und Oktober als Rindvieh-, Schweine- und Schuhwarenmarkt. Und wenn da in den letzten Jahren nicht noch eine Kuchenbude vor Gefkens Gastwirtschaft gestanden hätte, wäre gar keiner dahinter gekommen, dass Jahrmarkt war.
Vor fünfzig Jahren war das anders, da war der Brinkumer Markt noch eine große Begebenheit für weit und breit. Wochen vorher hatten Schneiderinnen es eilig, um all die Kleider für die jungen Mädchen „auf Schick“ zu kriegen. Da wurde geschlachtet und am Tage vorher jiepelte die Schiebkarre, um die Butterkuchen, Stuten und Zwiebäcke von den Bäckern ranzuschaffen. Denn zum Markt kam Besuch von Verwandten und Bekannten.
Wir Jungs hatten gar keine Zeit. Wir mussten die Karussells in Empfang nehmen und mit aufbauen helfen. Dafür durften wir den anderen Tag dann auch mal umsonst fahren. Wenn aber Turn-Hinnerk ankam, dann ließen wir die anderen Karussells sitzen. Was kamen da nicht alles für Seltenheiten raus aus dem alten klapperigen Wagen. Mit Fußbodenfarbe braun angestrichene Pferde, die meisten ohne Schwanz, einige ohne Ohren, klapperige Kutschen und eine große Trommel mit kaputtem Fell. Bunte Lappen, die seit Jahr und Tag nicht gewaschen waren und eine Orgel, die Asthma hatte. Das dauerte gar nicht lange, dann war das Karussel auf Schick und musste erst mal ausprobiert werden. Einige Jungs schoben, und einige hüpften schon auf einer Seite rauf. Das konnte das Karussell nicht ab und kippte und schleppte. Ausgewichst. Jungs sind Jungs.
Am anderen Morgen zur rechten Zeit ging das schon mit Hu und He, Schreien und Plärren, mit Kühen und Schweine, zu Fuß und mit Wagen nach Lindhorst’s Garten, wo der Viehmarkt war.
Um acht wurden bei den Buden die Laken vorausgenommen und um zehn fingen die Karussells an zu orgeln. Der Markt ging von Conrads Schmiede bis Ellinghausen. Was war da alles zu sehen. Karussells, Schießbuden, Kaspertheater, Buden mit Honigkuchen, Spielsachen, Mützen, Bändern, Holzzeug und Schuhzeug. Das war eine Vollheit auf den Straßen, dass der Gemeindediener mit einer großen Klingel voraus lief, wenn mal ein Wagen durchfahren wollte.
Um zehn Uhr war schon Hochbetrieb. Auf drei Sälen spielten die Musikanten zum Tanz auf und bei Jan Wienholz war Tingeltangel. Hindendahl trug die neuesten Schlager vom vorletzten Jahr vor und drei etwas ältere, aber komplette Chansonetten sangen von Liebe. Kostete einen Groschen.
Um Zwölf wurde Mittag gegessen und man bekam bei der Gelegenheit auch die Verwandten zu sehen. Mitunter fiel dabei auch ein Groschen ab. Aber dann ging es gleich wieder nach dem Markt, man könnte sonst was verpassen.
Finnenberg hatte mit seinem Omnibus (Pferdebus) zwischen Brinkum und der Endstation (der Straßenbahn) einen Pendelverkehr eingerichtet und stieß beim Umwenden eine Wurstbude um, und Jan Stegmann war in eine Kuchenbude gefallen. Das war schon was.
So ging das mit Singen und Plärren, Schreien und Jauchzen bis zum Morgen hin. Wir Jungs mussten aber um sieben Uhr zu Hause sein, sonst gab das was und die vier Groschen Marktgeld waren sowieso alle.
Am anderen Morgen, schon lange vor der Schulzeit, suchten wir da, wo die Schießbuden gestanden hatten, die Bleikugeln auf, die konnte man gut für die Schleuder gebrauchen.


Wie kann es angehen?

Rasierapparate und Herrensalons gab es früher noch nicht. Das ganze Handwerkszeug der Barbiere waren das Messer, die Schere, ein großes Seifennapf und der Streichriemen.
Dieses Geschirr hatte er in einem Beutel bei sich, wenn er auf Kundschaft ging, wovon er seinen Namen „Putzbüdel“ hatte.
Seine meisten Kunden ließen sich einmal in der Woche zu Hause balbieren und bezahlten dafür einen Taler im Jahr. Die meisten Nachrichten, die der „Putzbüdel“ mitbrachte, hatten sie dazu noch umsonst.
Nun hatte der Putzbüdel Nordmann eine dumme Angewohnheit, dass er sich jeden Morgen, wenn er auf Kundschaft ging, hinter Gefkens Diederk seinem Knick runtersetzte. Er hätte das ja auch auf seinem eigenen Misthaufen abmachen können.
Diederk ärgerte sich über den Putzer und tuschelte und kiecherte mit seinem Nachbarn, wie sie dem Putzbüdel einen anreißen könnten. Eines Morgens, als der Putzer sich wieder hinter dem Knick runtergesetzt hatte, stand Diederk auf der anderen Seite mit einer Schaufel parat und zog die schnell unterm Knick durch, als der Putzer fertig war. Der zieht seine Hosen hoch, guckt sich um, sah nichts und schüttelt mit dem Kopf. Wie kann ’s angehen? Dann läuft er weiter zu seinem nächsten Kunden.
Als der unterm Messer saß und gerade die Nase frei hatte, sagte er zu dem Putzer: „Deubel was riecht das hier?“ Der Putzer wurde unruhig und schrappte ihn schnell fertig. „Putzer, das stinkt hier ja nach Sch….!“
Der Putzer hat all sein Geschirr eingepackt und flitzte raus und sofort nach Hause. Dort hat er seine Hose von innen und außen untersucht und nichts gefunden. Wie kann ’s angehen?


B. B. B.

In der hannoverschen Zeit war beim Brinkumer Zollamt ein Tagelöhner angestellt, zu dem sie Flohjäger sagten. Flohjäger sollte einmal etwas beim Rentmeister in Syke bestellen.
Der Rentmeister war ein grober Kerl, zu dem niemand gern hinging. Das half aber nichts, Pflicht ist Pflicht.
Flohjäger nahm seinen Tagstock und marschierte los. Unterwegs dachte er sich, wenn ich man erst mit dem Kerl im Gange bin, will ich das wohl kriegen. Ich fang vom Wetter an. Anklopfen, herein, ich nehme meine Mütze ab und dann sage ich: „Guten Morgen Herr Rentmeister, das hat aber heute Nacht recht gerauhfrostet.“
Den ganzen Weg sagte er den Spruch still vor sich hin… Guten Morgen Herr Rentmeister, das hat aber heute Nacht recht gerauhfrostet….
Nach zweieinhalb Stunden kam Flohjäger in Syke an. Noch einmal den Spruch hergesagt und dann klopfte er an. „Herrein!! Was wollen sie?“
Flohjäger drehte die Mütze in der Hand herum und sagte: „Guten Morgen Herr Rauhfrost, das hat aber….“ = B. B. B. Bums bist buten.


Der kleine Geerd

Das war ein kleiner schiefbeiniger Kerl, der so pfiffig aus den Augen guckte wie Hinnerk Swienegel und so voller Streiche steckte wie ein Bund Stroh voller Flöhe. Da kommt man nicht vorbei, wenn man alte Dorfgeschichten schreiben will, warum auch. Er hatte niemandem etwas getan, wenn man ihm nicht an den Wagen fuhr, und er ist niemandem etwas schuldig geblieben.
Geerd war ein Genie. Er war Maler- und Glasermeister und Musikant. Mitunter ging er mit einem Farbentopf in der Hand und seinem Glaskasten auf dem Buckel über Land, das andere Mal hatte er den großen Kontrabass umgehängt und die große Tuba vor der Brust, dass von dem ganzen Kerl nichts mehr zu sehen war, als die Mütze und die Schuhe.
Wenn er den Bass spielte, stand er auf einer Fußbank und sein Mundwerk ging mit dem Bogen immer hin und her, nach links und rechts —wumm—wumm—wumm—wumm—wamm. So kam er nicht aus dem Takt.
Wenn es ging, nahm er nach auswärts nur seine Tuba mit, denn der Bass konnte nicht so viel ab und Geerd mochte wohl mal einen Kleinen.
Einmal hatte er ein Malheur, als er morgens von der Tanzmusik kam und mit seinem Bass auf dem Buckel nach Hause strebte. Er fiel mit dem Hinterteil auf den Bass rauf. „Nun ist der Bass in’n Mors“, sagte sein Kumpel. „Nein“, sagte Geerd, „der Mors ist in’n Bass.“

Eines Tages kommt Geerd mit den anderen Musikanten von einer Hochzeit in Obernheide, wo sie aufgespielt hatten. Sie nahmen den Richtweg übern Kamp und Geerd torkelte hinterher und blies auf seiner Tuba alles was drinsaß. Diesen Kunstgenuss konnten die Kühe nicht vertragen. Sie steckten den Schwanz hinterraus wie einen Pfahl, hielten den Kopf runter und gingen auf Geerd los. Der wollte übern Graben springen, nur die große Tuba, die kurzen Beine und der Schnaps hielten ihn runter und Geerd war verschwunden.
Seine Mackers haben ihn mit viel Hallo und Gezeter aus dem Graben gezogen und auf den richtigen Weg gebracht. Geerd leckte wie eine kaputte Regentonne und als er ins Haus kam, schlug Muttern die Hände überm Kopf zusammen. „Du Schweinigel, wie siehst du aus, komm mir nicht in die Stube.“
Nur, mit des Geschickes Mächten usw., als Muttern ihm die große Tuba runterhelfen wollte, goss sich ihr aus dem Blasdings das ganze Grabenwasser und die Modder über den Leib. Nun waren beide quitt. Hatte der unglückliche Kerl das große Tutdings voll Moorwasser mit an ’s Haus geschleppt.

Was waren das für Wege, die die Leute zu Fuß machen mussten.
Unsere Musikanten hatten beim Rennen in der Vahr aufgespielt und als Geerd gegen Morgen seine Tuba umhing und sich auf den Weg machte, wollte der Weg kein Ende nehmen. Er torkelte und fiel, schimpfte und ging egalweg, und die Chaussee wollt‘ und wollt‘ nicht kommen. Nach zwei Stunden, als er ein wenig nüchtern geworden war, kam er dahinter, dass er immer auf dem Rennplatz in die Runde gelaufen war.
Jungs sind Jungs, sag ich euch.
Als Geerd durch die Westerstraße turnte und mit sich selber sprach, war gerade die Schule aus. Dieser sonderbare Kerl und dann besoffen, das war was.
Zwei Jungs hakten ihn auf jeder Seite unter und die anderen Jungs wieder diese beiden, sodass die Reihe die ganze Straßenbreite einnahm. Nun ging das Singen los und Geerd sang feste mit. „Wir wollen das Schwein zum Schweinemarkt bringen, ho—ho—hoo!“
Beim Schweinemarkt kam ein Schutzmann um die Ecke, die Jungs liefen weg und Geerd, auf sich selbst gestellt, fiel hin. Der Schutzmann hat für ihn eine Unterkunft besorgt, und am anderen Morgen kam er wieder ans Haus.
Nur dass der Bremer Staat für die Unterkunft einen Taler verlangte, war nach Geerds Meinung unverschämt, denn Kost und Logis waren nur mau gewesen. Da konnte er sich drüber ärgern.


Der Äquator

Bernd Bitter, oder wie die Leute sagten, Bitters Bernd, war ein seebefahrener Mensch. Zum Andenken an die christliche Seefahrt trug er immer noch seine goldenen Ohrringe.
Wenn dieser alte Fahrensmann auf Stubbens Hof kam, lauerten die Jungs und auch wohl die älteren Leute darauf, dass er ihnen was von seiner Fahrenszeit erzählte, von seinen Fahrten auf dem Walfischfänger nach Grönland und von der Eisbärenjagd auf Spitzbergen.
„Bitters Vadder“, fragten die Jungs, „wie groß ist denn so ein Walfisch?“ „Hoh“, sagte der alte Schipper, „der ist so lang wie von hier bis nach der Kirche und wenn er ’s Maul aufreisst, kann man da wohl mit einem Fuder Heu reinfahren. Aus seinen Nasenlöchern spritzt er einen hohen Wasserstrahl, der geht bis an das Schallloch (der Kirche) und wenn er Schnupfen hat, noch höher. Da ist unsere Feuerspritze nichts dagegen.“ Und dann zeigte er auch das große Messer, womit sie von dem Walfisch die großen Speckseiten runter geschnitten hatten, wo der Tran draus gekocht wurde. Bitters Bernd ist aber auch mit dem Segelschiff um Kap Hoorn rum nach China gefahren. Er erzählte, dass sie ihn aus China rausgeschmissen hätten. Ob ihn der Kaiser von China ausgewiesen hat, oder ob er aus so einer Hafenkneipe rausgeworfen wurde, hat er nicht gesagt.
Genug, Bitters Bernd ist über den Äquator gekommen und das hat er uns mal auf Stubbens großer Diele verdeutlicht. „Sieh, die Lampe, die da unterm Boden baumelt, ist die Sonne und das hier“, und damit legte er den Besen quer über die Diele unter die Leuchte, „ist der Äquator. Nun müsst ihr euch den Äquator so vorstellen, dass er durch den Pferdestall an der Kirche vorbei weitergeht, ganz um die Erde herum, bis er von der anderen Seite durch den Kuhstall wieder hier ankommt. Die Heukiepe bei der Nedderndör (Dielentür) ist der Südpol und da hinten die Stöterbalje ist der Nordpol.
Nun fahren wir mit dem Schiff von der Weser in See, an der englischen Küste vorbei, den Atlantik hinauf. Das ist ein großes Wasser von der Stöterbalje bis nach der Heukiepe, dass man kein Ufer sehen konnte. Wir fahren immer nach Süden auf den Äquator zu.“
Bitters Bernd scheuerte mit seinen Holzschuhen rückwärts auf die Lampe zu. „Wir kommen immer näher nach der Sonne, der Schatten wird immer kürzer bis…“ Klabums ging das. Bernd war über den Besen gefallen und hatte sich mit seinem Achtersteven in den Atlantik gesetzt. „Sieh“, sagte er, „nun bin ich über den Äquator rüber.“
Niemand lachte, nur der alte Tagelöhner Hinnerk, der mal als Junge als Splintenkieker mit ’nem Frachtwagen mitgefahren war, sagte: „Kinners, glaubt ihm nicht. Ich bin mit ’nem Frachtwagen bis Magdeburg gekommen und habe nirgends einen Äquator gesehen.“


Postamt und Linnenlege

An der Bassumer Straße 112, wo heute der Sattler Hildebrand wohnt, war früher das Brinkumer Postamt. Diese Stelle und die anderen Grundstücke von Heinrich Ocker bis Karl Reipschläger an der Bremer- und Bassumer Straße bis zur Gartenstraße gehörten früher zum adligen Hof von Rechtern. In unserem Heimatmuseum hing eine Karte von 1773, da war dieser Hof angegeben.
Vor Hildebrands Haus ist ein freier Platz, wo früher die Postwagen rauf und runter fuhren. Ein Postwagen kam vom Hauptpostamt in Bremen am Domshof und brachte die Postsachen mit für die ganze Gegend.
Wenn die Post nach Brinkum reinfuhr, fing der Postillion bei der Kirche an auf seinem Posthorn zu blasen. Einer der beiden letzten Postillione soll das wunderschön gekonnt haben.
Vom Brinkumer Postamt aus fuhren besondere Postwagen nach Harpstedt, Kloster Heiligenrode, Leeste und Kirchweyhe. Diese Postchaisen hatten Sitze mit Verdeck, die außer dem Postschaffner noch Platz für zwei Reisende hatten.
Als die Eisenbahn von Köln nach Bremen kam, hörte die Tour nach Harpstedt auf. Im Mai 1871 ist die letzte Post von Brinkum nach Harpstedt gefahren und ihr Postillion -Krischan Böttcher- ist sein Lebtag nicht anders als Post-Krischan genannt worden. Die brinkumer Postschaffner mussten selber die Briefe austragen, denn Posthilfsstellen gab es damals noch nicht. Da ging ein ganzer Tag drauf und am Abend kamen sie mit ihren Postchaisen wieder angefahren.
Seckenhausen, Hallenhausen, Wulfhoop und Neukrug sind von Brinkum aus durch die Landbriefträger bestellt worden.
Das waren Wege früher und was für welche.

Der letzte Postmeister im alten Posthaus hieß Busch. Das war ein grober Kerl. Heute sind die Beamten freundlicher, nehmen einem aber auch mehr Geld ab. Kommt da nach Feierabend noch eine Frau an und klingelt den Postmeister raus. Der steckt den Kopf durch die Klappe und schimpft. „Och Herr Legemeister, ich wollte gern eine Briefmarke haben zum Groschen.“ Nun wurde der Gnatterbeutel aber grob. „Och Herr Legemeister, ich wollte ihnen auch mal was verdienen lassen.“

Kein Mensch nannte ihn Postmeister, alle sagten Legemeister, denn das war für die Leute ein höherer Titel.
Der alte Busch war beides, Legemeister und Postmeister. Auch die Legemeister waren von der Regierung eingesetzt und Busch verwaltete zwei Ämter, das Postamt und die Leinenlege.
Wie war das früher doch gemütlich, wenn abends beim offenen Feuer die Spinnräder schnurrten, die Frauen dabei alte Volkslieder sangen oder sich was erzählten und die Männer ihre Pfeifen rauchten. Wenn das rote Licht von dem Herdfeuer über die Wände und das Zinngeschirr huschte und der blaue Rauch vom Holz- und Torffeuer unterm Wiemen schwebte. Wie war das schaurig, wenn der Wind mit den Türen klapperte und Meyers Oma von Hexen und Spöken erzählte.
Finkenschmidt hatte schon wieder den weißen Kerl im Schafweg gesehen, wie er am Ufer lang ging. Dann guckten die Mädchen sich ängstlich nach der düsteren Ecke auf der Diele um, ob da nicht der weiße Kerl rauskam. Welch ein Glück, dass die jungen Kerle sie nachher nach Hause brachten.
Da wurde aber auch mal Häcksel auf die Diele gestreut und zu Klaus seinem Quetschbeutel ein bisschen getanzt. Mutter hatte Kaffe gekocht und Butterkuchen gebacken.

Was war das für eine schöne sinnige Zeit, als die Mädchen für ihre Aussteuer das Leinen selber spannen und webten. Wie stolz war die Braut, wenn sie ihre Läden und Schränke aufschloss und ihr selbstgemachtes Leinen zeigte.
Die Mägde mussten auch spinnen und ihren Teil weben. Wenn sie das fertig hatten, bekamen sie für sich jedes Jahr 36 Ellen Leinen, ein Kleid und ein Paar Schuhe. Es hat Höfe gegeben, wo wintertags bis März, wenn die Landarbeit wieder losging, auf zwei Stellen gewebt wurde. Als Tagwerk wurde ein Smitten fertiges Leinen gewebt, dann brauchte das Mädchen aber keine andere Arbeit zu machen. Ein Smitten war 14 Ellen lang. Da gehörte Geduld dazu, den ganzen Tag auf der Stelle zu sitzen.
Das Leinen, was man nicht selber brauchte, wurde verkauft. Da gab es Grobleinen von Heede (Werg) gewebt für Handtücher, Mehl- und Saatsäcke. Das feine Heedegarn wurde oft als einschlag gebraucht zu einer Art Mittelsorte von Leinen. Zum feinen Leinen nahmen sie nur Flachs oder Flachsgarn für Hemdentücher, Bett- und Tischlaken. Und das Leinen, welches verkauft werden sollte, musste zur Linnenlege.
Der Legemeister hat die Stücke gemessen und die Güte des Leinens festgestellt, wonach er das Stück abstempelte. So hatte jedes einzelne Stück Leinen seinen Wert bekommen und Käufer und Verkäufer konnten sich danach richten.
Der letzte Legemeister beim Amt Syke war bis 1897 im Dienst.

Das Fabrikleinen ist wohl billiger, wenn man die viele Arbeit rechnet, aber besser nicht. Guckt euch mal das Tischlaken an, was Großmutter und Urgroßmutter noch gesponnen und gewebt hatten, da fehlt noch nichts dran und es wird mit jeder Wäsche schöner. Und so geht das auch mit dem Hausrat. Ich sitze lieber auf einem Flechtstuhl als auf so einem lackierten, langbeinigen Plüschsessel. Mir sind die gestickten Mützen, die die Frauen früher trugen lieber, als die Fladrusen, Schüsseln, Teller, Blumentöpfe und Gießkannen, die sie heute auf dem Kopfe tragen.


Kranz und Schleier

In so einem Kirchenbuch steht viel drin, was man für die Heimatgeschichte gebrauchen kann. Wann Menschen geboren und gestorben sind und was sonst noch Absonderliches passiert ist. Da steht zum Beispiel im Arster Kirchenbuch, dass 1712 in Bremen und Umgebung die Pest tüchtig gehaust hat und Brinkum fast ausgestorben war.
Wir müssen aber auch mal lachen, wenn hinter dem Namen eines kleinen Erdenbürgers steht: „Um zwei Monate zu früh geboren.“ Um was so ein Pastor sich alles kümmern musste. Er hätte ja auch schreiben können, dass die Hochzeit um zwei Monate zu spät gewesen war.
Und dann gab das auch noch solche Sünder, die logen dem Herrn Pastor was vor, wenn er fragte, ob die Braut auch Kranz und Schleier tragen dürfe. Mit diesem Lügenbeutel wurde dann am Neujahrstag gewaltig abgerechnet, wenn sie von der Kanzel abgelesen wurden.
Kinder ’s und Leute, was für ein Zustand. An diesem Sonntag brauchte die Orgel nicht zu spielen: „Wachet auf ruft uns die Stimme…..“ Da war niemand eingeschlafen.
Mitunter kam der Pastor mit seiner Fragerei nicht zurecht. Kommt da gegen Abend Claushinnerk angestapft, um sein Aufgebot zu bestellen. Der Pastor saß gerade in seiner Studierstube und rauchte. „Nun mein Lieber“, sagte der Pastor, „sie wollen in den heiligen Stand der Ehe treten?“ „Das wollte ich wohl, Herr Pastor“, antwortete Claushinnerk. Der Pastor kriegte sich ein Formular her (Diese Dinger gab es damals auch schon, nur nicht so viele und so oft wie heute) und fing an zu schreiben. Nun kam die peinliche Frage: „Kann ihre Braut in Ehren mit Kranz und Schleier vor den Altar treten?“ „Meine Braut ist ehrlich und stammt aus einer ehrlichen Familie, sonst hätte ich sie auch nicht genommen.“ „So meine ich das nicht. Ich meine, ob ihre Braut Kranz und Schleier tragen kann?“
„Herr Pastor, ein Mädchen, das so schwach ist, dass sie nicht mal Kranz und Schleier tragen kann, kann ich nicht gebrauchen. Meine Frau muss tüchtig arbeiten.“ „Wir verstehen uns nicht. Haben sie mit ihrer Braut schon mal etwas gehabt, was nur in der Ehe vorkommen darf?“ „Ja, Herr Pastor! Ich hab ihr schon mal einen an die Schnauze gehauen, als sie den schönen Kuhmist aus Versehen auf Nachbars Ackerstück gefahren hat. Mit diesem lausigen Hund hatte ich Streit.“
Dem Pastoren lief der Schweiß vom Kopf, er verlor die Geduld und rief: „Haben sie mit ihrer Braut schon mal einen unerlaubten Verkehr gehabt?“ „Ja, Herr Pastor! Ich wollte mit Katrin nach Kloster-Heiligenrode fahren und als ich bei Kreuz-Meyer um die Ecke bog, stand da quer über der Chaussee ein Schild…..Für jeglichen Verkehr verboten. Herr Pastor, wir sind da doch durchgefahren.“
Der Pastor hat das Fragen aufgegeben, er war schon ganz benommen und bestürzt. Claushinnerk bekam seinen Schein, Katrin kriegte ihren Kranz und Schleier und nach drei Monaten Zwillinge.