Reise zur Loreley

Da sitzt doch seit Jahrhunderten auf einem Rheinfelsen ein Mädchen ganz in weiß mit Goldbordüre am unteren Saum und kämmt ihr güldenes Haar. Sie singt immer noch „ich weiß nicht, was soll es bedeuten, dass ich so traurig bin.“ Mancher Rheinschiffer soll ob dieser verwirrenden Schönheit die Gewalt über sein Schiff verloren haben und mitsamt seiner Mannschaft untergegangen sein.
Um zu erforschen. oh das heute auch noch so ist. fuhr eine Männergesellschaft, vielleicht ein Kegel- oder Kartenklub aus Brinkum an den Rhein, den man sowieso einmal im Lehen gesehen haben muss. Organisator dieser Reise war, wie nicht anders zu erwarten, das Brinkumer Original Johann (Jan Balbo) Helms.
Also per Bus nach Koblenz, mit vielen anderen Passagieren den Rheindampfer gestürmt und ab ging die Fahrt nach Rüdesheim. Bei herrlichem Sommerwetter saß man natürlich auf dem Oberdeck an der guten, sauberen Luft. Unter anderen auch eine sehr hübsche Dame im schwarzen Kostüm, mit passendem Hut und sehr schönen Pumps mit Absatzhöhe 7.5 cm. Ihr Mann oder ständiger Begleiter war in einem ebenfalls schwarzen, maßgeschneiderten Anzug auch nicht schlecht gewandet. Balbo hatte das Paar stets im Blickfeld. Man konnte direkt sehen, wie es in ihm arbeitete.
Man kommt denn ja auch Ins Gespräch. wenn der Akkordeonspieler mal eine Pause einlegt, weil die Finger nicht mehr so recht wollen. Balbo zu dem Mann in schwarz:
„So einer, wie Du bist – so eenen hebbt wi in Brinken ook. De seggt us jeden Sünndag, wie dat mit dat Christentum is un wat wi doon möt’t um bi de Stange to blieven.“
Der Herr, nachdem Jan die Anrede erstmal ins Hochdeutsche übersetzt hatte, antwortete:
„Ich bin kein Pastor.“
Johann Helms: „Denn büst Du ober inhieroot“ – eingeheíratet.
Karl Gutjahr, der mir diese Geschichte erzählt hat“, traf sich dann auf dem Dampfer rein zufällig mit dem „schwarzen Mann“, dem die Sache mit Balbo wohl an die Nieren gegangen war, auf dem stillen Örtchen.
Der Herr:
„Ihr Freund ist aber sehr ungehörig!“
Karl beschwichtigte:
„Das müssen Sie nicht so ernst nehmen, der meint das nicht so!“
Der Herr:
„Aber woher weiß der Herr, dass ich eingeheiratet bin?“
Johann war eben ein kleiner Amateur-Hellseher!
Der Dampfer erreichte den sagenumwobenen Felsen (siehe oben) und alles schien gut zu gehen. Das passte Johann nicht ganz. Darum sein Ruf an alle: „So, nun alle op düsse Siet, wi wüllt nu affsupen!“ Und an die schöne Dame gerichtet: „Und Dich, schöne Frau, Dich rette ich!“
Es war nur gut, dass die Masse der Gäste das Brinkumer Platt nicht verstanden hat sonst wäre das Märchen von dem Loreley-Felsen doch noch wahr geworden.
Dann ging es weiter in Richtung Rüdesheim.
Um mit dem Dampfmaschinen-Professor Paul Henkkels aus dem Film „Die Feuerzangenbowle“ zu rezitieren: „Dat mit Rüdesheim, dat kriege mer später.“

Quelle:
Lieben Gott sein Bleistift
Karl-Heinz Meyer erzählt Geschichten aus Bremen und umzu (2001)
Druck: Rauschert Druck, Brinkum
Mit Genehmigung des Verfassers