Auf nach Rüdesheim

Sie erinnern sich? In der Geschichte von dem blonden Mädchen auf dem traditionsreichen Rheinfelsen sagte Paul Henckels in der „Feuerzangenbowle“ etwas abgewandelt: „Dat mit Rüdesheim, dat kriege mer späterl“.
Er sagte aber auch, nachdem die frechen Bengels der 1 a ihm eine Stiefelette gemopst hatten, beim Abgang: „Bäh – wat habter für ne fiese Charakter!“ Diesen Charakter kann man auf keinen Fall Johann (Balbo) Helms nachsagen: Er war ein liebenswerter Bürger Brinkums, mit dem man überhaupt keinen Streit bekommen konnte.
Also, Johann war bekanntlich mit einer „Männerriege“ mit der „MS Rheingold“ von Koblenz nach Rüdesheim unterwegs, hatte bereits alle Gefahren unterhalb der Loreley heil überstanden und passierte dann die Pfalz bei Kaub und Bacharach, um endlich am Ziel Rüdesheim anzulegen. Es war günstig, dass der Anleger direkt unterhalb der bekannten Drosselgasse und des vorher gebuchten Hotels lag. So war der Weg zu leiblichen Genüssen nicht weit.
Die Drosselgasse war, wie des öfteren, fest in holländischer Hand, aber die stämmigen Burschen aus Brinkum waren ihnen körperlich überlegen und fanden schnell einen gemütlichen Platz, um an die 0,7-Liter-Flüssigkeiten mit den Inhalten Riesling, Spätlese, Eiswein usw. heranzukommen.
Nach reichlichem Genuss dieses Nektars saß Iohann noch ziemlich allein am Tisch. Wer hatte auch schon vorher eine Dose Ölsardinen pur gegessen? In weiser Voraussicht: ]ohann!
Am Nebentisch saß, auch ziemlich vereinsamt, ein Eisenbahner. Dienststellung: Streckenläufer! Das sind Leute, die feststellen, wenn bei der Bahn eine Schraube locker ist. Also zusammenrücken. Die beiden waren sich gleich sympathisch. Nach einigen weiteren Gläschen die Frage: „Hast Du’n Quartier?“ Antwort: „Neel“ Balbo: Kannst bi mi slopen.“ Also ab in die Betten, gemeinsam, Balbo und der braungebrannte Eisenbahner.
Am anderen Morgen – Balbo erscheint nicht zum Frühstück. Langsam wird es kritisch, bis dann einer sagt: „Kiek mol no, wo Ian blifft!“
Der Bote kommt mit schreckgeweiteten Augen die Treppe herunter und stammelt: „Balbo liggt mit’n Neger in’n Bett!“
Von dem ungebetenen Besuch erwacht, war Frühstück noch nicht angesagt. Erst auf dem Balkon Frühsport, sprich Freiübungen machen. An einem solchen sonnigen Morgen geht das am besten in der Schlafanzughose. Man musste ja richtig ausdünsten. Gegenüber dieses besagten Balkons, in einem Haus mit vielen Fenstern, war anscheinend eine Behörde untergebracht. Im Nu waren alle Fenster mit Damenköpfen in blond, braun und schwarz besetzt. Trübselig hat keine dreingeschaut.
Und das Frühstück hat beiden anschließend besonders gut geschmeckt…

Quelle:
Lieben Gott sein Bleistift
Karl-Heinz Meyer erzählt Geschichten aus Bremen und umzu (2001)
Druck: Rauschert Druck, Brinkum
Mit Genehmigung des Verfassers