Fußball im Nachkriegsbrinkum

Fußball ist seit Generationen der Volkssport Nr. 1 in Deutschland und damit natürlich auch in Brinkum. Es gibt keine Anzeichen dafür, dass sich an dieser Position des Fußballs in naher Zukunft etwas ändern wird.
Heute haben die Medien einen Riesenanteil daran, dass die Vormachtstellung des Fußballs nicht ins Wanken gerät. Mehrmals in der Woche dringt das Spektakel Fußball über die Medien in unsere Köpfe und Wohnzimmer. Viele Kids haben Fußballidole und wollen in deren Fußstapfen treten. Schon in sehr jungen Jahren treten sie in die Vereine ein. Aber auch Menschen, die noch nie gegen einen Fußball getreten haben, entdecken ihr Herz für ihren Verein, ihre Stadt oder ihr Land.
Dennoch wurde Fußball weitgehend ohne die Medien, zumindest ohne Fernsehen, zum Volkssport. Einen großen Anteil daran haben die für die Entwicklung des Menschen so wichtigen Eigenarten des Mannschaftssportes, die gemeinsamen Erlebnisse, das Engagement der Vereine und die vielen kleinen Geschichten, die dieser Sport hervorgebracht und weitergegeben hat.
Viele dieser schönen Geschichten wiederholen sich wöchentlich, manche in minimal abgewandelter Form, andere wiederum sind von Personen, Charakteren und Örtlichkeiten abhängig und erleben erst nach Jahren irgendwo ihre Renaissance.
Und dann gibt es Anekdoten und Ereignisse um den Fußballsport, die mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht wiederholbar sind. Sie würden mit ihren Protagonisten weniger werden und eines Tages in Vergessenheit geraten.
Nach dem Ende des 2. Weltkrieges sollte der Fußballsport auch in Brinkum wieder zu neuem Leben erweckt werden. Die Militärregierung der Besatzer ließ nur einen Sportverein in Brinkum zu, der sich Brinkumer Turn- und Sportverein von 1945 nannte.

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Mannschaft von 1946

Die Sportbekleidung der 1. Herrenmannschaft macht deutlich, wie sehr in dieser Zeit improvisiert werden musste. Die weißen Hemden wurden überwiegend selbst genäht, und auch die Stutzen mussten erst einmal von den Frauen gestrickt werden. Die Hosen wurden von den Amerikanern gespendet.
Der Sportplatz an der Bahnhofstraße wurde auch weiterhin von einem Bauern an den Sportverein verpachtet. Er musste nur wieder hergerichtet werden. Hier hatten im Kriege Flaksoldaten in Baracken gelebt.
Dazu wurde vom Vereinsvorstand folgender Beschluss gefasst:
„Jeder Sportkamerad, der am Sonntag nicht zur Platzarbeit erscheint, wird mit drei Reichsmark Strafe und Ausschluss vom nächsten Sportlerball bestraft.“
Der verpachtende Bauer sorgte ebenfalls für ausgesprochen strenge Sitten. Wenn die Pacht für den Platz nicht rechtzeitig gezahlt wurde, zögerte er nicht, die gesamte Anlage zu pflügen.
Das „Vereinslokal“, eher ein Treffpunkt für notwendige Besprechungen, befand sich seinerzeit in der Bahnhofstraße bei „Buckmann“. Ebenso gab es in der Bahnhofstraße einen Schlachter, der seine Waschküche als Umkleideraum zur Verfügung stellte. Ein Privileg, das nicht viele Vereine im „Huntegau“ hatten. Bei vielen gab es keinerlei Umkleideräume, und oft wusch man sich nach dem Spiel lediglich mit Wasser aus bereit gestellten Eimern.
Besondere Bedeutung für die Fußballer hatte der Gasthof „Gefken“. Auf dem großen Saal des Gasthauses wurde im Winter das Training durchgeführt. Erst als hier die ersten Fremdenzimmer eingerichtet wurden, war es besser, auf das wetterunabhängige Training zu verzichten.
Die Begeisterung der Brinkumer für ihre Fußballmannschaft war sehr groß. Bei Heimspielen konnte man den Eindruck gewinnen, dass der halbe Ort auf dem Sportplatz an der Bahnhofstraße auf den Beinen war.
Man muss allerdings auch sagen, dass das Freizeitangebot in jener Zeit sehr überschaubar war. Entscheidend war sicher auch der Mangel an Mobilität. Wer hatte denn damals schon ein Auto?

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Spielerfrauen und -freundinnen, Schlachtenbummler
So mussten Fußballer und Schlachtenbummler die Sportstätten des Gegners bei Auswärtsspielen natürlich überwiegend mit dem Fahrrad erreichen. In der näheren Umgebung war das kein sehr großes Problem, aber wenn gegen Steinfeld oder Barnstorf gespielt werden musste, bedurfte es schon einiger anderer Überlegungen. So gab es zwar den einen oder anderen Lkw-Besitzer, der bereit war, die Mannschaft und auch die Schlachtenbummler zu befördern, aber wie sollte er bezahlt werden? Für Geld konnte man von 1945 bis 1948 fast gar nichts bekommen, also musste man auch nicht für den Lkw und seinen Besitzer Geld sammeln. Fahren musste der Lkw, und dafür brauchte man Treibstoff!
Nun hatten die Brinkumer Fußballer das Glück, dass ihr Mannschaftsführer am Bremer Flughafen bei den Amerikanern Arbeit als Fahrer hatte. So hatte er engen Kontakt zu den Arbeitern an der Tankstelle des Flughafens. Als sportlicher Nichtraucher tauschte er seine Zigaretten, die er von den spendierfreudigen Amerikanern bekam, an der Tankstelle gegen Treibstoff, den er in Kanister abfüllen ließ und in seinem Dienstwagen verstaute. Um die Kontrollen der Amerikaner am Flughafeneingang zu umgehen, fuhr er bei Dienstfahrten auf dem Flughafengelände in die Nähe des angrenzenden Ochtumdeiches, wo er die Kanister in den wasserführenden Gräben versteckte. In seiner Freizeit machte er sich dann nach Einbruch der Dunkelheit mit einem Freund auf den Weg zum Ochtumdeich, um die Kanister, natürlich zu Fuß, nach Hause zu schaffen.
Natürlich war diese „Spritbeschaffung“ mit einem hohen Risiko für alle Beteiligten verbunden, aber zu jener Zeit war das Denken der meisten Deutschen ohnehin weitgehend auf Organisieren und Tauschen ausgerichtet. Raus aus der Not, das war das Ziel.
Auf jeden Fall war der Lkw mit Anhänger jetzt fahrbereit. Er musste nur noch ausgerüstet werden. Und zwar mit Sitzbänken, die aus dem Tanzsaal von „Gefken“ geholt und auf den Ladeflächen von Lkw und Anhänger aufgestellt wurden. So konnten die Mannschaft und der harte Kern der zahlreichen Schlachtenbummler zu den Auswärtsspielen transportiert werden.

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Schon beim Besteigen des Lkw war klar, dass dieser Tag, egal ob Sieg oder Niederlage, mit einer schönen Feier im Gasthaus „Gefken“ enden würde.
Mit so einer Fahrt zu einem Auswärtsspiel in Barnstorf soll dieser kleine Bericht über den Brinkumer Fußball in den Nachkriegsjahren abgerundet werden, hoffentlich mit einem nachdenklichen Schmunzeln. Der vollbesetzte Lkw hatte schon Mühe, den ebenso voll besetzten Anhänger über die sehr holperige Straße in Richtung Barnstorf zu ziehen. So manches Schlagloch schlug durch bis zu den Bänken von „Gefken“, aber schon in Bassum war die Stimmung auf den Ladeflächen ausgesprochen gut.
In Twistringen fiel dann einigen Fußballanhängern auf, dass es dort sehr stark nach frisch gebranntem Alkohol roch. Jedem war klar, dass in diesem Ort verbotenerweise sehr viel Schnaps gebrannt wurde. Hier war das Zentrum der Getreidewirtschaft und Korn hatte man genug. Man nannte Twistringen deswegen auch „Brenndorf“. Aber es war schon allerhand, dass es hier an einem Sonntagnachmittag so intensiv nach Schnaps riechen durfte. Hatten die „Brenndorfer“ etwa eine Ausnahmegeehmigung? Bis kurz vor Barnstorf verflüchtigte sich der Alkoholgeruch auf dem Lkw nicht, aber jetzt musste die Diskussion über das verbotene Brennen von Schnaps beendet und sich auf das Fußballspiel konzentriert werden.
Der Fußballplatz in Barnstorf unterschied sich kaum von dem Brinkumer. Ein wunderbarer, fast ebener, ehemaliger Acker, der hier und da sogar Grasbewuchs hatte. Die selbst gezimmerten Tore waren von ihrer Größe her regelgerecht und irgendjemand hatte sich bereit erklärt, die erforderlichen Linien zu streuen. Für das Waschen der nach dem Spiel verschwitzten Körper standen schon eine Wanne und einige Eimer mit Wasser bereit. In einer alten Baracke wechselten die Spieler ihre Kleidung, und dabei erlebten sie eine Überraschung, über die noch lange in Brinkum gelacht wurde. Als der Mannschaftsführer seine Aktentasche öffnete, um seine Sportbekleidung heraus zu holen, war alles triefend nass. Und… es roch ausgesprochen intensiv nach selbstgebranntem Schnaps. Der Mannschaftsführer hatte für die abendliche Feier bei „Gefken“ eine Flasche Schnaps zu seiner Sportbekleidung in die Aktentasche gepackt. Dort hatte sie die Erschütterungen auf der Ladefläche nicht heil überstanden. Nach dem verbreiteten Geruch zu urteilen muss sie kurz vor oder mitten in „Brenndorf“ zersprungen sein.
Nachtrag: Das Fußballspiel wurde gewonnen. Die Rückfahrt nach Brinkum verlief reibungslos. In Twistringen hat es nicht mehr nach Schnaps gerochen. Bei „Gefken“ wurde zum x-ten Male auf dem großen Saale getanzt und gefeiert.

Wolfgang Rau Mai 2009
Quelle: Mündliche Berichte von Zeitzeugen